Ein stark analytischer Blick auf die zwölf Geschworenen

Premiere : Ein stark analytischer Blick auf die zwölf Geschworenen

Talton-Theater feierte mit seiner Adaption von Reginald Roses Stück Premiere. Das Bühnenbild wurde abstrakt gehalten.

Das Licht geht an, und die Bühne zeigt nur weiße Wände. Parallel zur Bühnenkante stehen zwölf schwarze Stühle in einer gleichmäßigen Reihe. Im Hintergrund eine zweite Reihe, die Spieler. Es lässt einen an die Grundstellung einer Schachpartie denken. Im Talton-Theater hat „Die zwölf Geschworenen“ Premiere. Und Regisseur Jens Kalkhorst hat das Stück wie ein Experiment in einem Labor angelegt. Die Spieler holen sich die Stühle, die Handlung beginnt.

Anders als in der legendären Verfilmung mit Henry Fonda, in der man ein realistisches Geschworenenzimmer sieht, nähert sich Kalkhorst dem Thema über ein hohes Maß an Abstraktion. Das passt zu den Rollennamen, nicht Smith oder Brown, sondern Nummer eins, zwei, drei… Die zwölf müssen über das Schicksal eines jungen Mannes entscheiden. Der soll seinen Vater erstochen haben. Sprechen sie ihn schuldig, endet er auf dem elektrischen Stuhl. Es muss allerdings Einstimmigkeit herrschen. Aber nach der ersten Probeabstimmung steht es elf zu eins gegen den Angeklagten. Nummer acht (Moritz Stursberg) hat begründete Zweifel. Er zieht damit den Zorn aller anderen auf sich.

Kalkhorst schafft beinahe
eine Innenansicht der Gruppe

Sieht man in der Filmfassung von außen auf die Gruppe, die Figuren und die Abläufe, so schafft Kalkhorst mit seiner Abstrahierung so etwas wie eine Innenansicht der Gruppe. Dazu passt der Einsatz der Stühle, die ständige dynamische Umgruppierung der Spieler. Der äußere Raum wird so zum Abbild der Spannungen und Abläufe in der Gruppe. Es ist ein stark analytischer Blick auf die Vorgänge, die sich immer mehr zu einem Prozess zwischen zwei Polen, den Geschworenen Nummer acht und drei (Patrick Schiefer), entwickeln. Nummer drei will den Angeklagten sterben sehen, um jeden Preis. Mitgefühl mit den Figuren entsteht bei dieser Inszenierung weniger spontan aus dem Bauch, vielmehr in einem zweiten Schritt, über den Kopf. Das erinnert schon an das Konzept des epischen Theaters.

Da passt es auch, dass die lauten, zornigen Passagen scheinbar etwas zu dick aufgetragen sind. Das unterstreicht die Abstrahierung. Und umso stärker wirken vor diesem Hintergrund die leisen Töne am Schluss. Da ist auf einmal alles Abstrakte weg. Spieler und Publikum sind wie kurzgeschlossen. Das gilt ganz besonders für das Spiel von Patrick Schiefer.

Reginald Rose hat „Die zwölf Geschworenen“, im Original „12 Angry Man“, 1954 als Fernsehspiel geschrieben. Bei der Kinofassung von 1957 war er Produzent und verfasste das Drehbuch. Er schuf auch mehrere Bühnenfassungen. In Deutschland realisierte der Drehbuchautor, Dramaturg und Übersetzer Horst Budjuhn das Stück für die Bühne. Das Psychodrama beruht auf einem authentischen Fall.