Wuppertal bei Nacht: Ein Rundgang durch Angsträume im Tal

Wuppertal bei Nacht : Ein Rundgang durch Angsträume im Tal

Die Straftaten im Stadtgebiet sind zurückgegangen. Einige Orte werden trotzdem zu später Zeit gemieden. Ein nächtlicher Besuch.

Wuppertal. Wie ruhig es am Berliner Platz sein kann, ahnt man nicht, wenn man mit der Polizei über den einzigen „kriminogenen Ort“ der Stadt spricht. Am und um den Berliner Platz sind im vergangenen Jahr 1400 Straftaten aufgenommen worden. Spitzenreiter in Wuppertal. Es ist ein normaler Wochentag, abends, 21.30 Uhr, dunkel, mild. Ich mache mich auf den Weg durch Wuppertal, um zu sehen, wie die Angsträume der Stadt wirken, wenn ich selbst unterwegs bin.

Der Berliner Platz wird vom Licht der Schwebebahnstation angeleuchtet. In regelmäßigen Abständen fährt eine Bahn mit lautem Quietschen aus der Wagenhalle. Auf dem Areal sitzen kleine Gruppen an gegenüberliegenden Enden. Vier Leute da, sechs da. Auch von denen ist wenig zu hören. Einmal schreit einer. Sonst: Urbane Geräuschkulisse. Alle 20 Minuten bewegen sich einzelne Menschen über den Platz.

Der Berliner Platz hat in der Angstraumliste von einer Steuerungsgruppe aus Stadt, Polizei und sozialen Verbänden den Spitzenplatz belegt. Die Polizei sagt aber, dass auf dem Platz verhältnismäßig wenig passiert — mehr in den umliegenden Straßen. Die Szene auf dem Platz sei zwar unangenehm, aber an sich nicht bedrohlich.

Einen Mann, der sich aus einer Gruppe löst, spreche ich an. Ob er den Platz sicher finde? „Completely safe“ — völlig sicher — , sagt er auf Englisch. Er lächelt, ist ganz sympathisch. Es dauert keine Minute, bis zwei Personen an uns herantreten und nach dem Rechten sehen. Nach kurzer Rücksprache lockern sie ihre Haltung, die Mimik. „Hier ist es ok, am Bahnhof kommt viel öfter die Polizei“, sagt einer. Der Eindruck: unangenehm, aber eben nicht bedrohlich.

Generell ist die Anzahl von Straftaten in Wuppertal gesunken. Aber einzelne Orte machen den Menschen doch Angst. Richtig festlegen will sich keiner, woran das liegt.

Die Unterführung zwischen der Wolkenburg und der Barmer Straße gilt als Angstraum. Es ist 21:55 Uhr. Der Weg zu den Treppen hinauf führt über einen Hinterhof mit Garagen. Da die Treppe vorne gesperrt ist, führt der Weg zwangläufig über den dunklen Hof.

Sybille Ackermann, Geschäftsführerin der Steuerungsgruppe, die gerade an der neuen Angstraum-Liste arbeitet, sagt, Unterführungen seien generell Angsträume. „Da gibt es null soziale Kontrolle“. Da denke fast jeder: „Wenn hier einer steht und etwas passiert, kriegt das keiner mit.“

In dem erhöhten Tunnel ist das so. Nach der Treppe geht man um die Ecke in den Tunnel, der an diesem Abend nach Farbe richt. „Frisch gestrichen“, steht auf einem Schild. Die halb entfernten Graffiti und die abgenutzte Decke lassen die Frage aufkommen, was eigentlich gestrichen sein soll. Vorbei an Bauschutt und abgerissenem Absperrband geht es um die zweite Kurve. Die zweite Gelegenheit, im Tunnel überrascht zu werden. Angenehm ist der Weg nicht, trotz der Leuchten. Ackermann sagt, die ESW habe schon viel getan. Ein heimeliges Gefühl wird der Tunnel trotzdem nicht liefern.

Hier zeigt sich die Differenz zwischen Statistik und Sorgen. Für Vorfälle in dem Tunnel, wie in den meisten anderen auch, hat die Polizei keine Anzeige entgegengenommen und keinen Einsatz wahrnehmen müssen. Angst hat eben nicht immer etwas mit tatsächlicher Gefahr zu tun.

Anders herum ist der Karlsplatz auf Platz zwei der Angstraumliste, mit 276 aufgenommenen Straftaten auf und um den Platz auch einschlägig belastet — und an diesem Abend aber beinahe unbelebt. Eine Gruppe Jugendlicher steht in der Ecke, viele am Handy. Gefährlich wirkt das nicht.

Fast völlig verlassen ist der Weg zur Nordbahntrasse. An der Friedrichstraße, der Neuen Friedrichstraße, der Markommanen- und Neuen Nordstraße begegne ich gegen 22.30 Uhr nur zwei Männern vor einem Café. Sie grüßen freundlich. Die Straßen sind recht dunkel, einsam. Das wirkt bedrohlicher als ein reges Treiben auf der Straße. Am bedrohlichsten auf dem Weg ist noch die Diakoniekirche. Der Hof ist dunkel, die Straßenecken auch, die Straßen drumherum schlecht einsehbar.

Auf der Nordbahntrasse angekommen begegnet mir eine Inline-Skaterin. 23 Jahre, pinke Haare. Hat sie keine Angst? Doch eigentlich schon. „Die Nordbahntrasse ist die erste Strecke, die ich im Dunkeln meide“, sagt sie. „Eigentlich.“ Ein Gefahrenraum ist das aber nicht direkt. Laut Polizei gab es 2017 auf der ganzen langen Strecke durch die Stadt 80 Straftaten. Aber einem Freund der jungen Frau ist gerade hier etwas passiert. Er wurde zusammengeschlagen, sagt sie. „Schädelbasisbruch.“

Im Tanztunnel höre ich Ketten rasseln und bassige Schläge. Das Ende des Tunnels lässt sich von der anderen Seite nicht gleich einsehen. Könnte bedrohlich sein, wenn ich nicht wüsste, was auf der anderen Seite ist. So freue ich mich, dass der Basketballplatz unter der Briller Straße auch nachts noch belebt ist.