Bergische Universität Wuppertal: Ein Lkw soll unsichtbare Straßenschäden aufspüren

Bergische Universität Wuppertal : Ein Lkw soll unsichtbare Straßenschäden aufspüren

Wissenschaftler der Bergischen Uni haben den „Pavement-Scanner“ entwickelt. EU und Land unterstützen das Projekt.

Seit elf Jahren ist Lambert T. Koch jetzt Rektor der Bergischen Uni, doch auch für ihn hält der Hochschulalltag noch Neues bereit. „Das ist jetzt das erste Mal, dass ich einen Lkw begrüße“, sagte Koch am Dienstag bei der Übergabe des sogenannten Pavement-Scanners durch das Land Nordrhein-Westfalen. Der fast 15 Meter lange Lastwagen sei ein „einzigartiges Erfassungssystem“, das es in dieser Form weltweit nicht noch einmal gebe, lobte der Rektor. Der Truck kann die Substanz von Straßen messen und auch Risse ermitteln, die für das bloße Auge nicht sichtbar sind. Mit dieser „fahrenden Spitzentechnologie“ setze die Uni „ein gut sichtbares Zeichen anwendungsorientierter Spitzentechnologie“.

Doch Spitzentechnologie ist nicht aus der Portokasse zu bezahlen. Für mehr als 2,8 Millionen Euro wurde das Projekt über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (Efre) der EU sowie das Land NRW gefördert. Auch die Uni steckte Geld hinein. „Der Pavement-Scanner ist ein enormer Fortschritt für die Erforschung der Straßen der Zukunft“, so Prof. Hartmut Johannes Beckedahl vom Lehr- und Forschungsgebiet Straßenentwurf und Straßenbau der Uni bei der Präsentation auf dem Campus Freudenberg.

Beckedahl ist der Vater des Projekts, hatte bereits im November 2012 erste Kontakte zu der dänischen Firma Greenwood geknüpft, die das Herzstück des Lasters beziehungsweise des Aufliegers – das Tragfähigkeitsmess-System Traffic Speed Deflectometer – entwickelte. Der Professor vergleicht das System mit einem MRT für die Straße. Durch eine Achslast von zehn Tonnen können Verformungen und mögliche Schäden des Straßenuntergrundes erfasst und bewertet werden. Dazu verfügt der Laster über elf Doppel-Laser-Sensoren, die die Schichtdicken der befahrenen Straßen erfassen. Zudem können Risse oder Abweichungen in der Längs- oder Querebene einer Straße erkannt werden. Über ein GPS-System können die Messungen einem Straßenabschnitt genau zugewiesen werden.

Bis zu 600 Kilometer Straßen können den Angaben zufolge so pro Tag erfasst werden – zumindest theoretisch. Noch dient der Lastwagen ausschließlich Forschungsvorhaben. Das sei eine Auflage des Efre-Programms, erklärt Beckedahl. Derzeit habe man sich bei mehreren Ausschreibungen für Forschungsvorhaben mit dem Pavement-Scanner beworben. Nach Ablauf von fünf Jahren soll der Lkw dann auch in den kommerziellen Einsatz gehen. Der Landesbetrieb Straßen NRW hat bereits Interesse bekundet. Man wolle mit dem Fahrzeug unterschiedliche Arten von Straßen befahren und messen, sagt der Professor. Dazu gehörten neben Autobahnen und Landesstraßen auch kommunale Straßen.

Spezielle Software für
die Erfassung der Daten

Der Pavement-Scanner kann nach Angaben von Beckedahl nur bei trockenem Wetter zum Einsatz kommen, weil sonst das Messergebnis verfälscht wird. Theoretisch sei es möglich, dass der Lastwagen innerhalb eines halben Jahres alle Landesstraßen in NRW vermisst. Für die Erfassung der Daten wurde eine spezielle Software entwickelt.

Auch Minister Wüst verweist auf den hohen Bedarf an dieser Technologie. Die Erhaltung der Infrastruktur der Straßen in NRW sei eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt, sagt der Verkehrsminister. Diese Aufgabe sei leider „lange versäumt“ worden, so dass die Infrastruktur mittlerweile „auf Verschleiß“ fahre. Im Jahr 2015 habe das Land NRW rund 100 Millionen Euro in die Straßenerhaltung gesteckt, zum Ende der laufenden Legislaturperiode werde diese Summe verdoppelt sein, erklärte Wüst. Immerhin 13 000 Kilometer Landesstraßen gebe es in NRW. Und das Netz sei nicht nur riesig, sondern auch „rissig“.

Nach der Übergabe des Fahrzeugschlüssels durch Minister Wüst folgte dann auch gleich die Jungfernfahrt. Neben dem Minister nahmen Rektor Koch und Professor Beckedahl im Fahrerhaus Platz. Seinen Standort zwischen den Fahrten findet der Lastwagen irgendwo in Wuppertal. Wo genau will Projekt-Initiator Beckedahl nicht verraten – so hochwertige Technik erfordert einen gewissen Schutz.

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