Ein Lehrer verliert seinen Halt

Ein Lehrer verliert seinen Halt

Schnappschuss bei der Mayerschen mit Thomas Melles „Versetzung“.

Wuppertal. Mit „Schnappschuss — einfach mal Szene gerade sein lassen“ bietet das Schauspiel ein ungewöhnliches Format abseits der großen Theaterbühne. Diesmal — beim dritten seiner Art — gab es eine Lesung rund um den Autor Thomas Melle, dessen „Bilder von uns“ zurzeit in einer Inszenierung des Schauspiels zu sehen ist. „Thomas Meller ist ein Autor, den ich sehr mag. Mit ‚Die Welt im Rücken’ ist er jetzt sehr präsent“, so Schauspielintendant Thomas Braus. „Wir wollen beim Schnappschuss öfter mal was ausprobieren. Diesen Ort hier hatten wir noch nie.“ Die Wahl fiel bewusst auf die Mayersche Buchhandlung in Barmen: „Wir machen seit einigen Jahren in Elberfeld Lesungen, aber noch nie in Barmen.“

Die Schnappschüsse des Schauspiels zeichnet nicht zuletzt eine gewisse Flexibilität und Spontanität aus, daher verwundert nicht, dass man sich spontan programmatisch umentschied. „Es war ursprünglich etwas anderes geplant“, erzählt Braus. Statt aus verschiedenen Texten von Thomas Melle habe man sich dafür entschieden, sein neuestes Stück „Versetzung“, das 2017 in Berlin uraufgeführt wurde, zu lesen.

Das Werk kreist gleichfalls wie „Die Welt im Rücken“ um das Thema bipolare Störung. In diesem Fall um einen äußerst engagierten Lehrer, dessen Vergangenheit, geprägt von einer manisch-depressiven Erkrankung, ihn schlagartig einholt und sein eigentlich wieder geordnetes Leben ins Wanken bringt.

Mit viel Plastizität gelesen von Braus selbst, von Alexander Peiler, Martin Petschan, Stefan Walz und Konstantin Rickert, eröffnete das Werk nicht nur einen erdrückenden Einblick in die Nöte des Protagonisten, der von seinem Umfeld erneut in seine Krankheit getrieben wird. Melles Werk schildert auch eindrücklich, wie labil die Grenzen zwischen normalem und gestörtem Verhalten sein können und wie sich der Blick auf das Gegenüber durch Perspektivenwechsel von Grund auf ändern kann.

Die fünf Schauspieler erwiesen sich indes auch als Meister des Perspektivenwechsels - sie schlüpften verbal mühelos in die jeweilig wechselnde, ihnen zugeordnete Rolle. Ob nun Schüle, die nicht minder problematischen Kollegen des Lehrers, seine Frau oder auch Eltern — Braus und sein Ensemble ließen mühelos die Figuren vor der Zuhörerschaft zu lebendigen Charakteren werden. Kurz eingeschobene Regieanweisungen eröffneten auch Raum für szenische Fantasie.

Der nächste Schnappschuss findet am 22. März, 18.30 Uhr, im Von der Heydt-Museum mit Stefan Walz statt. cogl