Neuerung E-Rezept: Start mit Kinderkrankheiten

Wuppertal · Der Abruf funktioniert mit der Krankenkassenkarte – an manchen Stellen macht die Technik aber noch Schwierigkeiten.

Apothekerin Birgit König (r.) zeigt, wie die Krankenkassekarte von Sabine Freiling ins Lesegerät gesteckt wird.

Apothekerin Birgit König (r.) zeigt, wie die Krankenkassekarte von Sabine Freiling ins Lesegerät gesteckt wird.

Foto: Ja/Fischer, Andreas

Seit 1. Januar sind Ärzte verpflichtet, statt Papierrezepten elektronische Rezepte – E-Rezepte – auszustellen. Für Patienten heißt das: Sie erhalten keinen rosafarbenen Zettel mehr, sondern können das Rezept mithilfe ihrer Krankenkassenkarte in der Apotheke abrufen lassen. Bei einer stichprobenartigen Umfrage der WZ äußerten sich Beteiligte teils zufrieden, teils kritisch über Ausfälle der Technik.

Beim WZ-Besuch in der Tannenberg-Apotheke am Robert-Daum-Platz am Freitagnachmittag hat gerade kein Kunde ein E-Rezept. Dabei kommen nach Einschätzung von Apothekerin Birgit König inzwischen rund 70 Prozent aller Rezepte in elektronischer Form zu ihnen. Die Kunden stecken dann ihre Krankenkassenkarte in ein Lesegerät, Birgit König und ihre Mitarbeiter können anschließend auf ihrem Computerbildschirm lesen, welche Medikamente benötigt werden. Verwendet werden kann auch ein Papierausdruck mit einem QR-Code oder eine Handy-App.

„Im Moment läuft es noch etwas holprig“, sagt die Apothekerin. So seien bei einem Kunden alle Mittel doppelt aufgeführt gewesen. Bei anderen Kunden war das Rezept nicht vorhanden. Dann musste die Arztpraxis es neu generieren. Eine Kundin war schon wiederholt in der Tannenberg-Apotheke, ohne dass das Rezept abrufbar war. Sie betont aber: „Das sind Anfangsschwierigkeiten, ich bin geduldig.“

Benita Salamon, Kundin der Burg-Apotheke, hat noch ein Papier-Rezept eingelöst. Freut sich aber auf das E-Rezept: „Digitalisierung ist doch gut.“ Sie erhofft sich Erleichterung, weil sie für ein neues Rezept im Quartal nicht mehr zur Praxis muss: „Ich arbeite in Wuppertal und wohne in Solingen, da macht das etwas aus.“ Diese Erleichterung sieht auch eine weitere Kundin: „Wenn ich beim Arzt anrufen kann und das Rezept kommt direkt zur Apotheke, ist das praktisch.“ Ein junger Mann dagegen winkt ab. „E-Rezept? Das will ich nicht und brauche ich auch nicht.“

Auch wenn es noch etwas chaotisch läuft, blickt Birgit König auf die Vorteile des E-Rezepts: „Das System erkennt, wenn etwas nicht sinnvoll ist und warnt. Dann können wir Kontakt zur Praxis aufnehmen.“ Und es gebe weniger Papier. Schade für die Kunden sei, dass sie die Verschreibung nicht mehr selbst sehen. Das verunsichere einige.

Auch Regine Quinke, Inhaberin der Albatros-Apotheke und Sprecherin des Apothekerverbands in Wuppertal, sieht Vorteile: „Wir können keine Fehler mehr beim Ablesen machen, können Einträge auf dem Rezept per Computer erledigen.“ Bei Lieferproblemen für ein Mittel könne man das Rezept leichter ändern lassen: „Ein Telefonat mit der Praxis reicht, der Kunde muss nicht zurück in die Praxis, sondern das neue Rezept kann direkt in der Apotheke neu abgerufen werden.“

Ein bisschen enttäuscht ist sie von der Geschwindigkeit: Es dauert, bis das E-Rezept auf dem Bildschirm erscheint: „Ich hatte gehofft, dass es schneller geht.“ Die Sekunden fühlten sich wie Minuten an: „Da muss aufgerüstet werden“, findet sie.

Sie schätzt den Anteil der E-Rezepte an allen Rezepten auf zwei Drittel. Die Kunden reagierten teils skeptisch, teils neugierig: „Manche sagen: ,Ich habe da was auf der Karte.‘ Und sind angenehm überrascht, dass es funktioniert.“ Erleichtert seien vor allem Ältere, dass sie kein Smartphone brauchen – es geht mit der Krankenkassenkarte.

„Ich hoffe, dass
sich das einspielt“

Auch in den Apotheken kennt man sich noch nicht mit allen Details aus, die müssten sie sich erarbeiten, sagt Regine Quinke: „Wir sind ja nicht geschult worden.“ In einer Whatsapp-Gruppe ihres Herstellers tausche man sich aus. Auch sie hat öfter erlebt, dass Rezepte nicht abrufbar waren. Einmal ist das komplette System ihrer Apotheke abgestürzt, eine Viertelstunde ging nichts, erst ein Neustart hat geholfen: „Fünf Kunden standen hier“, erzählt sie. Sie betrachtet die Probleme aber als „Kinderkrankheiten“: „Ich hoffe, dass sich das einspielt.“

Bei den Ärzten gibt es unterschiedliche Bewertungen. Internist Holger Stöter sagt: „Es klappt einwandfrei“, die Arbeit mit dem E-Rezept bedeute eine Erleichterung, weil Patienten nicht mehr auf die Arztunterschrift auf dem Rezept warten müssten. Auch Internist Bernd Köneke ist mit dem E-Rezept „sehr zufrieden“. Seine Praxis hat bereits im November mit der Umstellung begonnen: „Wir konnten entspannt in den Januar gehen.“

Aber Kinderarzt Tobias Herbold berichtet, dass die Technik noch nicht zuverlässig funktioniert: „Im Moment erschwert uns das E-Rezept die Arbeit“, erklärt er, erwartet aber, dass es perspektivisch zur Entlastung beitragen kann.

Ziemlich verärgert ist Andre Altermann, Internist und Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung in Wuppertal, dass die Technik nicht rund läuft: „Das ist dilettantisch und nicht zu Ende gedacht“, kritisiert er die Hersteller. In seiner Praxis funktioniert das System nur an fünf der zehn Computer, ständig gebe es Fehlermeldungen. Er kritisiert auch die fehlende Aufklärung der Patienten, das müssten jetzt seine Mitarbeiterinnen machen: „Das ist ein Zeitfaktor.“ Es werde wohl noch Wochen dauern, bis alles funktioniert.

Dabei sieht er ebenso die Vorteile: Das System denke mit, reagiere auf Fehler und weise auf Wechselwirkung von Medikamenten hin: „Das bedeutet höhere Sicherheit.“ Patienten müssten nicht auf seine Unterschrift warten. Und er konnte schon einem Patienten helfen, der vergessen hatte, seine Tabletten mit in den Urlaub zu nehmen. Er erstellte ein neues Rezept, das der Patient dann in einer Apotheke in Süddeutschland abrufen konnte.

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