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Diskussion über Tiny-House-Siedlung in Wuppertal

Leben auf wenigen Quadratmetern : Diskussion über Tiny-House-Siedlung in Wuppertal

Rund 50 Gäste kamen zum Treffen in den Unverpackt-Laden „Ohne Wenn und Aber“ in Barmen.

„Man muss loslassen können“, sagt Christine Nordmann (76) und wendet sich  damit nicht an die Adresse von Senior-Chefs, die ihren Nachfolgern nicht trauen, oder Eltern, die ihren erwachsenen Kindern noch deren Lebensumstände vorschreiben wollen. Die ehemalige Architektin aus Cronenberg will damit  ihre Mitbürger ermutigen, Ballast abzuwerfen und sich in ihrem Leben auf das Wesentliche zu beschränken.

Sie selbst ist da mit einem bemerkenswerten Beispiel vorangegangen, hat ihr bisheriges  Domizil mit 125 Quadratmetern – verteilt auf sieben Zimmer – Tochter und Enkeln überlassen und ist  in ein direkt daneben erbautes sogenanntes Tiny House, ein winziges Haus, umgezogen (WZ berichtete). Dort lebt sie  nun seit einem  halben Jahr auf 14 Quadratmetern in Wuppertals wohl kleinstem Eigenheim mitten in der Cronenberger Altstadt.

Zweckmäßig eingerichtet mit Sitzecke, kleiner Küche, Schlafgelegenheit, Toilette und Dusche. Auf eine Heizung wurde verzichtet, da sich die Temperaturen im Raum unabhängig von der Witterung zwischen 18 und 25 Grad bewegen. „Als ich am 1. April eingezogen bin, war es mit 15 Grad schon ein wenig schattig. Aber dafür kann man sich eben ein wenig wärmer anziehen“, sagt die Wohn-Pionierin und sieht dem Winter gelassen entgegen.

Eine Lebensform, die inzwischen auf vielseitiges Interesse gestoßen ist, und deshalb hatte Diana Lantzen, die Inhaberin des Unverpackt-Ladens „Ohne Wenn und Aber“ am Brögel am Freitagabend zu einem Treffen eingeladen. Rund 50 Gäste waren auf den Hof hinter dem ungewöhnlichen Geschäft gekommen und hatten dort auf Stühlen, Kissen, einem Plüschsofa und anderen Sitzgelegenheiten Platz genommen. Referenten waren Christine Nordmann und Dieter Zultner, Inhaber der gleichnamigen Zimmerei in Hückeswagen, die Christine Nordmanns neue Heimat aus unbehandelten und vor allem unverleimten 30 Zentimeter dicken Massivholzwänden gebaut hat. Eine Technik, die der österreichische Forstwirt Erwin Thoma entwickelt hat.

Stromkosten liegen
bei rund 20 Euro

„Die Entscheidung für ein Tiny Haus muss zwischen mobil, nämlich auf Rädern,   oder  nicht mobil fallen“, so Zultner, der den Interessenten ans Herz legte, jeden Zentimeter Innenraum zu nutzen und intensiv zu planen. „Dicke Wände gehen zulasten der Wohnfläche“, warnte Zultner, der zu etwaigen Preisen noch nicht Stellung nehmen konnte. „Das richtet sich ganz nach den Wünschen der Kundschaft.“ Christine Nordmann wies darauf hin, dass sie mit ihrem Umzug auf die Minimalfläche Ressourcen sparen wolle und nicht mehr als 20 Euro für Strom („Naturstrom selbstverständlich, keine Kernkraft, keine Kohle“) verbrauche.

Die Grundstücksfrage stellte sich für die Cronenbergerin nicht, dürfte aber für die Zuhörer durchaus ein Thema werden, denn  auch die winzigen Häuser brauchen einen Baugrund, nach dem in Wuppertal noch eifrig gesucht wird. „Am Rande der Hardt könnten wir uns vorstellen, die Kleine Höhe, auf Camping-Plätzen oder auch neben Friedhöfen“, so Gastgeberin Diana Lantzen; sie räumte aber ein, dass die letztere Lösung nicht unbedingt jedermanns Geschmack sein dürfte. Wobei Christine Nordmann auf prominente Hilfe bei der Suche nach geeignetem Grund Mut machte. „Unser Oberbürgermeister Uwe Schneidewind steht der Idee aufgeschlossen gegenüber.“ Und der bestätigte: „Angesichts knapper Flächen ist das genau das Richtige.“

„Egal, ob ein großes oder kleines Haus, eine Baugenehmigung muss erteilt werden“, wurde das Publikum am Brögel auf die Überwindung amtlicher Hürden hingewiesen. Sich auf Mini-Wohnraum zu beschränken, schien für einige der befragten Gäste kein Problem sein. „Wir haben uns bei unserer Arbeit in Tunesien mit dem zufrieden gegeben, was in einen Mercedes Sprinter passt“, erzählen Anette Werner und Udo Baumgärtner. Und Heike Mutzberg, die noch im Hochhaus wohnt, in Hamm in einer Mustersiedlung aber  schon Tiny-Häuser besichtigt und dort zur Probe gewohnt hat, sieht kein Problem darin, sich von 90 auf 15 Quadratmeter zu reduzieren.

Nähe zur Natur
als besonderer Reiz

Sina Westmeier hat die Veranstaltung mit organisiert. Sie hofft, dass sich der Wunsch nach einer ganzen Tiny-House-Siedlung von Gleichgesinnten, zum Beispiel in Vohwinkel, wie angeregt wurde, in Wuppertal verwirklichen lässt. Einige der Befragten könnten sich auch mit einer mobilen Tiny-House-Unterkunft auf Rädern anfreunden. Hier liefert Diana Lantzen ein anschauliches Beispiel, denn auf dem Hof hinter ihrem Geschäft steht ihr Wohnmobil, das ein vorzügliches Training für das Leben im Tiny-House ermöglicht.