Dieses Klavierkonzert in Historischen Stadthalle bleibt in Erinnerung

Konzert : Ein Klavierkonzert, das in Erinnerung bleiben wird

Grigory Sokolov zog das Publikum mit seiner fesselnden Interpretation von Brahms und Beethoven in den Bann.

Das klassische Konzertleben hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Richtung Eventkultur verändert. Dem passen sich die meisten Musiker an. Viele großartige von ihnen, die damit nichts zu tun haben wollen, kehren diesem zum Wirtschaftsfaktor gewordenen Zustand verbittert oder kraftlos geworden den Rücken. Sie ziehen sich etwa als Professoren an Musikhochschulen zurück, verschwinden in der Versenkung. Einer der ganz wenigen unbeugsamen Persönlichkeiten, die diesem Status Quo etwas entgegenzusetzen haben, ist Grigory Sokolov. Er kam nun auf Einladung des Klavier-Festivals Ruhr in den ausverkauften Großen Saal der Stadthalle und sorgte für einen Abend, der wohl allen Besuchern nachhaltig in Erinnerung bleiben wird.

Sokolov betrat, von tosendem Beifall begrüßt, die Bühne, deutete eine kurze Verbeugung an und setzte sich wie in sich gekehrt an den großen Konzertflügel. Kaum war es ruhig, zogen die ersten beiden Takte der Sonate op. 2 Nr. 3 Ludwig van Beethovens in ihren Bann. Sofort war ganz klar: Es wird einen ganz intensiven Abend geben, an dem ausschließlich die Musik im Mittelpunkt steht. Man hätte zwischenzeitlich im weiten Rund eine Stecknadel fallen hören können, derart übertrug sich die musikalische Spannung auf die Zuhörer.

Eine höchst kreative
kompositorische Lehrstunde

Wann hat man schon einen Pianisten erleben dürfen, der rein objektivistisch einen Zugang zur Musik sucht und findet? Denn dieses Werk wie die darauffolgenden elf Bagatellen (op. 119) Beethovens kamen unter Zurücknahme eigener Emotionen unglaublich tief ausgelotet, mit einer klanglich variablen Gestaltung der Wiederholungen, jede Haupt- und Nebenstimme ganz deutlich darstellend, große musikalische Spannungsbögen nie außer Acht lassend, absolut fesselnd von der Bühne.

Hätte sich Beethoven erweichen lassen, sein Grab zu verlassen und wäre auf den Johannisberg gekommen, hätte sicherlich sein Kommentar gelautet: „Genau so habe ich es mir vorgestellt“.

Exakt solch eine hochmusikalische und höchst kreative kompositorische Lehrstunde war auch anschließend zu erleben, als der Ausnahmepianist die beiden letzten Opera für Klavier allein, die Nummern 118 und 119 von Johannes Brahms aufführte. Jede noch so kleine musikalische Struktur und die reichhaltige brahmssche Emotionalität brachte er ganz klar ungemein packend zum Ausdruck.

Das Publikum hatte verstanden: Es ging nicht um die Person Sokolov, nur um musikalische Inhalte. Sechs Zugaben (Franz Schubert: Impromptu in As-Dur op. 142/2 - Jean-Philippe Rameau: „Les Sauvages“ und „Le rappel des oiseaux“ - Johannes Brahms: Intermezzo in Es-Dur op. 117/2 - Sergej Rachmaninow: Prélude in gis-Moll op. 32/12 - Claude Debussy: „De pas sur la neige“, aus: Préludes, Heft I) waren das Resultat der kein Ende nehmen wollenden Begeisterung. Gerade nach solchen, immer seltener werdenden Abenden kann man stolz sagen: „Ich war dabei gewesen“.

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