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Die Wuppertaler Schwebebahn - der stählerne Patient

Kommentar : Der stählerne Patient

Seit nun mehr als 20 Jahren ist kein Verlass mehr auf sie. Die Schwebebahn kriecht durchs Tal, immer die Angst im Gepäck, auf der Strecke stehen zu bleiben oder das Depot erst gar nicht verlassen zu dürfen.

Der Drache hat Husten. Ziemlich lange schon. So lange, dass der Eindruck einer echten Lungenentzündung entstehen kann. Was sagte wohl Else-Lasker-Schüler, wenn sie den Patienten sähe, den Notleidenden, den sie selbst als stählernen Drachen bezeichnete? So beeindruckt war die Lyrikerin von der Schwebebahn, von deren mächtigen und doch majestätischen Gleiten durch das Tal der Wupper. Sie kannte die Bahn noch als hier quietschendes, dort klapperndes Wunderwerk der Technik, das so viele Jahre Menschen von Vohwinkel nach Oberbarmen und von Oberbarmen nach Vohwinkel beförderte. Das macht sie immer noch.

Aber seit nun mehr als 20 Jahren ist kein Verlass mehr auf sie. Die Schwebebahn siecht. Sie kriecht durchs Tal, immer die Angst im Gepäck, auf der Strecke stehen zu bleiben oder das Depot erst gar nicht verlassen zu dürfen. Was Ende der 1990er Jahre stolz als Aufbruch in die Zukunft angekündigt wurde, hat sich längst als Abstieg zur Überflüssigkeit herausgestellt. Gut 20 Jahre und fast 650 Millionen Euro nach Beginn der Modernisierungsarbeiten müssen alle Freunde dieses wunderbaren Verkehrsmittels feststellen, dass die vielen Millionen kaum einen Cent wert gewesen sind. Von all den Versprechungen und Verheißungen ist nichts, aber auch gar nichts eingetreten, abgesehen davon, dass die neuen himmelblauen Wagen wirklich höchsten ästhetischen Ansprüchen genügen. Technisch erfüllen sie keinen einzigen. Inzwischen streiken die Türen zwar nicht mehr und funktioniert das Betriebssystem leidlich. Aber Zuverlässigkeit und vor allem Geschwindigkeit sind auf der Strecke geblieben beim Bemühen, die gute alte Schwebebahn auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten. Die angepeilte Geschwindigkeit von maximal 60 Kilometern in der Stunde wird wahrscheinlich nie erreicht, weil dem anscheinend ein Konstruktionsfehler entgegensteht.

Dass nun ausgerechnet das geringere Tempo dazu führt, dass die Räder der Wagen anders abnutzen und nun vorzeitig getauscht werden müssen, ist noch nicht einmal mehr ein Witz. Es ist die Krone der Peinlichkeit.

Grundsätzlich bringt es nicht viel, jedes Mal zurückzuschauen, wenn wieder etwas Störendes geschehen ist. Aber in diesem Fall sei schon daran erinnert, dass vom alten Gerüst keine Schienen gefallen sind, und dass die alten Wagen ziemlich treu und verlässlich ihren Dienst verrichteten. Das war und wäre auch heute ausgesprochen wichtig.

Denn die Schwebebahn ist kein Museumsbimmelbähnchen. Sie ist ein Verkehrsmittel, das für die Zukunft dieser Stadt einmal mehr eine bedeutende Rolle spielen kann. Die hatte sie in der Blütezeit von Elberfeld und Barmen, als Unternehmer den Bau dieser technischen Meisterleistung forcierten.

Heute machen sich unter anderem Wissenschaftler des Wuppertal Institutes Gedanken darüber, wie Mobilität im Sinne von Umwelt- und Klimaschutz sowie von Lebensqualität besser organisiert werden kann. Dabei könnte die Schwebebahn eine sehr wichtige Rolle spielen, auch wenn sie statisch ist und nur von West nach Ost und umgekehrt fährt. Im Schatten ihrer Stahlstützen leben aber einige Hunderttausend Menschen. Und bestimmt nutzten noch mehr die Bahn, wenn sie sicher sein könnten, dass sie fährt. Diese Sicherheit ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten abhanden gekommen. Wer in Barmen am Alten Markt lebt und einen wichtigen Termin in Elberfeld hat, kann nicht felsenfest davon ausgehen, dass der stählerne Drache ihn rechtzeitig hinfliegt. Das ist das Ergebnis einer einzigen Verschlimmbesserung, die genügend Sprengkraft hat, die Schwebebahn ihrer Daseinsberechtigung zu berauben. Als sehenswertes Relikt einer vergangenen Industrieepoche ist sie zu teuer, für den öffentlichen Personennahverkehr der Zukunft ist sie nach aktuellem Stand der Dinge nicht geeignet.

Es ist deshalb höchste Zeit, dass die Wuppertaler Stadtwerke als Betreiber der Bahn nun wirklich alles tun, der schönen neuen Optik beste Technik folgen zu lassen. Sonst machen sie die Schwebebahn überflüssig.