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„Die Rückkehr zu öffentlichen Lesungen war wie eine Erlösung“

Das Pandemie-Tagebuch eines Schriftstellers : „Die Rückkehr zu öffentlichen Lesungen war wie eine Erlösung“

Michael Zeller spricht über die Rückkehr auf die Bühne, digitale Veranstaltungen und mehr.

Vor ein paar Tagen konnte ich endlich wieder einmal eine öffentliche Lesung abhalten. Ganze dreizehn Monate sind vergangen seit jenem 7. März 2020, oben in Cronenberg. Fast muss ich heute erklären, wie das damals war: der Auftritt eines Autors vor lebendigen Menschen, die arglos eng nebeneinander saßen, Stuhlkante an Stuhlkante, die Gesichter gut kenntlich. Wozu auch hätten sie ihr abwartendes Lächeln hinter einer Maske verstecken sollen? Sie waren gekommen, um einem Stück Literatur zuzuhören und danach darüber zu reden, mit dem Verfasser und miteinander.

Selige Zeiten! Nur ein Jahr soll seither vergangen sein? Das heißt aber keineswegs, dass die Schriftsteller seither daheim vor ihren Schreibgeräten saßen und sich über den Tasten die Fingernägel feilten. Nein, es gab durchaus zu tun, und nach einer gewissen Schockstarre, im Frühjahr 2020, als sämtliche gebuchten Lesungen ausfielen (samt Honoraren, versteht sich), gab es Auftritte für uns in den elektronischen Medien. Die allerdings sehen gewaltig anders aus, als ich es mein Berufsleben lang gewohnt war.

Von der ersten dieser Lesungen möchte ich Ihnen erzählen. Es ist früher Abend. Ich sitze, wie fast den ganzen Tag, an meinem Computer. Nicht gerade in Trainingshose und Schlabberpulli, aber doch eher unfestlich gekleidet. Ein Sakko? Daran ist nicht zu denken! Vortragen werde ich auch gar nicht mehr. Die Lesung selbst ist vor Tagen bereits hier in einem Studio aufgezeichnet worden und zu dem Veranstalter nach Süddeutschland geschickt.

Als es danach zur Aussprache über das Gehörte kommt, traue ich meinen Augen nicht. Vor mir auf dem Bildschirm sehe ich unzählige passfotogroße Gesichter von Menschen, unter denen ich – neben vielen Unbekannten – eine Menge Freunde entdecke, aus nah und fern, aus dem ganzen Land, von Hamburg über Berlin bis Heidelberg und Nürnberg, aus der Ukraine wie aus Italien. Ich bin überwältigt. Wie soll ich darauf reagieren? Ein verstecktes Winkewinke, kindlich-spontan, mehr nicht

Manches Gesicht erkenne ich erst auf den zweiten oder dritten Blick: die imposanten Haarschöpfe haben einige doch arg verändert. Die Friseurläden waren europaweit nicht umsonst seit einem Vierteljahr geschlossen. Und die Gesichter mit ihren mächtigen Mähnen wandern weiter auf meinem Bildschirm, verschwinden, neue tauchen auf. Mehr als achtzig Personen haben sich zugeschaltet, berichtet mir die Veranstalterin hinterher, und viele davon sitzen zu zweit vor ihren Computern daheim. Für eine literarische Lesung ist das eine ordentliche Quote.

Nach anderthalb Stunden ist die Veranstaltung vorbei, das übliche Format bleibt gewahrt. Was mögen die einzelnen von ihnen jetzt machen, frage ich mich. Der eine der Teilnehmer geht vielleicht die zwei Schritte rüber in seine Küche und entkorkt eine Flasche Wein (es ist ja schließlich Abend), ein anderer setzt Wasser auf für Spaghetti, die dritte gibt am selben Gerät geschwind noch ein paar Mitteilungen raus.

Ich selbst gehe in meinem Zimmer auf und ab, ziemlich aufgedreht. Richtig fassen kann ich das alles immer noch nicht. Es ist wie in einem Traum: Ich lese vor vielen meiner Freunde aus ganz verschiedenen Städten und sogar aus anderen Ländern. Ein unbestreitbar glückhaftes Erleben, das mir hier zum ersten Mal geschehen ist.

Und nun soll das alles vorbei sein, seitdem es jetzt wieder “richtig” los geht: Begegnungen an einem festen Ort, mit lebendigen Menschen? Nicht mehr zwischen Wänden aus Glas? Die „digitale Vereinsamung”, von der zu Beginn der Pandemie gesprochen wurde, scheint beendet zu sein. Kein Zweifel: Diese erste öffentliche Lesung jetzt vor ein paar Tagen war wie eine Erlösung, für den Autor wie für das Publikum. Das, was bei dieser sehr eigenen Begegnung auf den Gesichtern der Menschen sich abspielt, und nicht nur dort - das ist ganz und gar unersetzbar.

Doch die Erinnerung an meine erste digitale Lesung, in die anonyme Weite des Raums hinein, bleibt in einem Schmuckkästchen aufbewahrt.