Die Karriere des „Till Blut“

Die Karriere des „Till Blut“

In Judith Kemps Geschichte der „Elf Scharfrichter“ lernt man eine andere Seite des Künstlers Wilhelm Hüsgen kennen.

Bekannt wurde Wilhelm Hüsgen als Bildhauer. Arbeiten des großen Künstlersohns der Stadt Wuppertal haben unter anderem das Von der Heydt-Museum und das Münchener Lehnbachhaus in ihren Beständen. In der bayerischen Hauptstadt hat der 1877 als Sohn eines Architekten in Barmen geborene Künstler einen Großteil seines Lebens verbracht. Und dort vielfältige Spuren hinterlassen. Unbekannteren, aber nicht minder interessanten Spuren ist nun Judith Kemp gefolgt, die in ihrer Dissertation die Geschichte der „Elf Scharfrichter“ nachzeichnet. Wilhelm Hüsgen (alias Till Blut wie er sich im Ensemble nannte) zählte zu den Gründungsmitgliedern dieses ersten Kabaretts auf deutschem Boden.

„Ein winzig Bild vom großen Leben“ wollten die zehn Künstler um Frank Wedekind abbilden, die sich 1901 zusammenfanden. „Und das haben sie interessanterweise auch getan, haben nicht nur satirisch darauf reagiert, sondern manche auch ganz getreu abgebildet“, erklärt die Autorin, die deshalb ihre 408 Seiten starke Arbeit, die „erstmalige umfassende Dokumentation, Analyse und Einordnung des Ensembles“ mit dem Satz betitelt. Leider stand das Kabarett unter keinem guten Stern: Finanzielle Probleme und interne Streitigkeiten führten bereits 1904 zur Auflösung. Wilhelm Hüsgen war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr dabei, er stieg 1902 aus. Kemp: „Er war wohl kein besonders begabter Schauspieler, die einzige Rolle, die er spielte, war stumm.“ Im Drama „Der Nachbar“ von Hanns von Gumppenberg spielte er ein Dienstmädchen, das sich auf der Bühne erhängt — was einmal fast schief ging.

Gleichwohl hinterließ Hüsgen, der Architektur und Bildhauerei studiert hatte, bleibenden Eindruck: „Sein wichtigster Beitrag waren die Scharfrichter-Reliefmasken, die im Theater an den Saalwänden hingen. Seine Maske wurde von Waldemar Hecker, dem zweiten Bildhauer im Ensemble, modelliert“, so Kemp. Außerdem habe Hüsgen eine Statuette seines Scharfrichter-Kollegen Robert Kothe geschaffen. Leider gebe es keine Überlieferungen über die Beziehungen Hüsgens zu den anderen Ensemblemitgliedern.

Etwa Anfang 1902 gründete der Wuppertaler mit Hecker eine Bildhauerschule, die mit dem Beitritt Wassily Kandinskys zur „Phalanx-Schule für Malerei und Plastik“ umgewandelt wurde.

Zu Hüsgens Schülerinnen zählte Gabriele Münter, die ihn umgekehrt im Malen schulte, wie sich sein Neffe, der heute 89-jährige Gert Hüsgen, erinnert, der als Kind von Wuppertal aus seinen Onkel in München besuchte und ihm stundenlang dabei zusah, „wie er Bronzeskulpturen ziselierte“. Klar, dass Hüsgen jetzt auch an der Vorstellung des Kempschen Buches in München teilnahm.

Sieben dem menschlichen Körper gewidmete Arbeiten nennt das Von der Heydt-Museum sein Eigen, darunter den großen weiblichen Rückentorso, den Hüsgen 1908 schuf und der ursprünglich Kopf, Arme und Beine hatte, die der Künstler aber selbst für einen Umzug abschlug. Die seiner ersten Frau, einer Opernsängerin, geschuldeten Umzüge waren überdies ein Grund, weshalb Hüsgen nach Breslau und Berlin, weniger nach Wuppertal kam. Die Affinität zu München entstand wohl auch aus den vielen Künstlerfreundschaften Hüsgens. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er dem Ring bergischer Künstler in seiner Heimatstadt (Ehrenmitglied 1958) und der Neuen Münchener Künstler-Genossenschaft bei.

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