Evangelische Kirche: Die Jungfrauengeburt als Revolution

Evangelische Kirche : Die Jungfrauengeburt als Revolution

Heribert Prantl sprach beim Neujahrsempfang der Evangelischen Kirche über Gleichheit.

Dass Heribert Prantl spielend und erheiternd Welten miteinander verbinden kann, war schon in der Begrüßung klar: „Liebe Freundinnen und Freunde des Grundgesetzes, des Rechtsstaates und der Demokratie, liebe Gläubige, Ungläubige, Halbgläubige“, sagte er am Donnerstagabend in der City-Kirche am Kirchplatz zum Start seines Impulsvortrages. Er war Gastredner beim Neujahrsempfang der Evangelischen Kirche.

Prantl war Ressortleiter Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung, außerdem Mitglied der Chefredaktion. Er ist ausgebildeter Jurist und Ehrendoktor der Theologie. Der evangelischen Theologie. Als Katholik.

Und am Rednerpult brachte er alles zusammen. Es ging um Gleichberechtigung, Gleichheit in Kirche, Gesellschaft und Staat. Es ging um das Grundgesetz und Weihnachten.

Er erzählte von Elisabeth Selbert, die sich als eine der Mütter des Grundgesetzes für den Gleichberechtigungsartikel eingesetzt hatte. Wie sie das durchgesetzt habe? „Sie würde sagen: Im Nerven bin ich gut“, sagte Prantl. Aber danach passierte erst einmal nichts – bis es zehn Jahre danach ein Gesetz zur Durchsetzung der Gleichberechtigung gegeben habe. „Die Lehre: Demokratie und Grundrechte fallen nicht vom Himmel. Das muss man lernen. Immer wieder. Das ist ein Lebensprinzip. Und die Kirche gehört zum Leben.“

Und so zog Prantl die Parallele zur Weihnachtsgeschichte. Denn die sei ein Beispiel für das, was das Grundgesetz fordere. „Die Legende von der Jungfrauengeburt legt die Axt an das Stammbaumdenken, an die Machtstrukturen“, an das Patriarchat, so Prantl. Es sei ein Beispiel für moderne Familienstrukturen und ein Trost für alle, die in komplexeren Familien lebten. Sie verweise auf die Frage danach, wer der bessere Vater sei: „Der, der zeugt, oder der, der wickelt?“.

Prantl nennt die Weihnachtsgeschichte einen revolutionären Akt, der die klassischen Machtstrukturen infrage gestellt habe. Er nennt Josef einen Antityp zum klassischen Männerbild. „Es bräuchte einer Vermehrung der Josefs, dann wäre die Welt menschlicher.“

Aber die Machtstrukturen hätten sich die Geschichte wieder zu eigen gemacht. Aus dem weiblichen Schöpfungsakt eine Begründung für rigide Sexualmoral gemacht.

Prantl zog weiter durch die Bibel und das Grundgesetz, kritisierte den Kapitalismus, den Umgang mit den Schwachen, die Ausgrenzung von Fremden und Armen. Er lieferte Erhellendes unterhaltsam – mit sehr menschlicher, christlicher Perspektive. Wie gewohnt aus den SZ-Texten.