Die Jäger der verlorenen Familiengeschichten

Die Jäger der verlorenen Familiengeschichten

Der Bergische Verein für Familienkunde hat Generationen von Ahnen im Blick. Neugierigen hilft er auf die Spur.

Wuppertal. Sie tauchen ein in die Geschichte, verbringen ihre Freizeit in Archiven, wälzen staubige Akten und fahren tausende von Kilometern quer durch die Republik — immer auf der Suche nach Spuren ihrer Vorfahren. Für die einen ist Genealogie langweilig und rückwärtsgewandt, für ihre Anhänger macht sie das Leben erst richtig greifbar. „Und wir sind zukunftszugewandt“, sagt Hans-Friedrich Kartenbender (74), Vorsitzender des Bergischen Vereins für Familienkunde, fast trotzig.

Er kennt Anekdoten seiner Familie aus vier Jahrhunderten, weiß, dass ein Ahne die Napoleonischen Feldzüge bis zur Schlacht von Waterloo mitgemacht hat und ein anderer als Sohn eines Schusters Medizin studieren konnte. Die Leidenschaft für Familienforschung geht bei ihm in die Zeit vor seiner Geburt zurück. Sein Vater und eine Großcousine machten sich 1930 auf die Reise in die Familiengeschichte. Fast 40 Jahre später beendet Kartenbenders Vater seine Forschung.

Erst im Jahr 2000 holt sein Sohn die alten Unterlagen wieder hervor, vier Jahre später steigt er selber in die Forschung ein. Die schriftlich überlieferten Familienanekdoten, die seine Großcousine zusammen getragen hat, reichen zurück bis in die 1840er Jahre, die reine Datenlage sogar bis ins Jahr 1681. Der vielleicht größte Schatz seiner Sammlung: Das Studentenbuch seines Ahnen Conrad Joseph, der von 1795 bis 1805 in Heidelberg Medizin studierte. Dessen darin enthaltener Scherenschnitt ist gleichzeitig die älteste Abbildung eines seiner Vorfahren, und für die über 100 Einträge seiner Kommilitonen, darunter viele Poesiesprüche, haben sich sogar die Historiker der heutigen Uni Heidelberg interessiert.

Als Kartenbender nicht mehr weiter kommt, wendet er sich an den Verein für Familienkunde. Ein Schritt, der sich für ihn gelohnt hat. Erst mit einer urkundlichen Erwähnung des Familiennamens aus dem Jahr 1530 endet seine Forschung.

Manchmal stoßen die Forscher bei ihrer Arbeit auf berühmte Persönlichkeiten, von denen sie gar nicht wussten, dass sie mit ihnen verwandt sind. Eitelkeit sei aber nicht ihr Antrieb, wie Werner Wicke (76) versichert. „Mir ist es gar nicht so wichtig, dass ich mit dem niederländischen Königshaus verwandt bin“, sagt er. Viel interessanter findet er, das ein Vorfahr seiner Schwiegertochter, Peter Zughetto, mit dem Schinderhannes geräubert hat. „In den Gerichtsakten findet man sogar noch die Höhe des Kopfgelds, dass der Mann, der ihn erschossen hat, bekam.“ Ahnenforschung ist eben alles andere als ein staubiges Hobby.

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