Die Häuser der Familie Engels

Die Häuser der Familie Engels

Von Tanja Heil

Die Familie Engels prägte früher das ganze Gelände neben dem heutigen Opernhaus. „Hier standen rund 40 Häuser, die alle zur Manufaktur Johann Caspar Engels gehörten“, erzählte Reiner Rhefus vom Historischen Zentrum. Zum Tag des offenen Denkmals vermittelte er anhand der noch stehenden Gebäude einen Eindruck von der Entwicklung der Firma Engels und machte die Historie lebendig. Rund 35 Besucher hörten interessiert zu.

Mitte des 18. Jahrhunderts wurden von der Manufaktur Engels Schmuckbänder vor allem für Frankreich hergestellt. Die Arbeiter wohnten in kleinen Fachwerkhäusern rund um die Villa der Fabrikbesitzer herum. Zwei davon stehen noch heute an der Wittensteinstraße. „In einem Haus wohnten zwei Familien“, erklärte Rhefus. „Jede Familie hatte zwei Zimmer — ein Schlafzimmer und eines, in dem der Bandstuhl stand. Im Dachgeschoss schliefen oft noch die Kinder oder die Großeltern.“ Als etwas später die Bevölkerung in Barmen explodierte, drängten sich in einem Haus bis zu 25 Menschen.

Am Modell im Historischen Zentrum zeigte Rhefus, wie Barmen zu dieser Zeit aussah: „Barmen ist nicht als zentraler Ort entstanden, sondern als Ansammlung von Hofschaften.“ Die Fabrikbesitzer fühlten sich für ihre Arbeiter verantwortlich. So schuf Engels eine Schule für die Kinder seiner Arbeiter und setzte sich für den Bau der heutigen Unterbarmer Hauptkirche ein.

1820 wurde erstmals in Barmen Seide verarbeitet. Johann Caspar Engels fuhr persönlich nach Italien, um Kontakte zu dortigen Seiden-Produzenten zu knüpfen. „Rund 50 Prozent aller Webstühle liefen damals auf Seide oder Mischgewebe“, betonte Rhefus die Bedeutung der Seidenproduktion. „Neben Krefeld war Wuppertal das Zentrum in Deutschland für Seidenverarbeitung.“

Großen Fortschritt brachte der Jacquard-Webstuhl: Wo früher ein gelernter Weber mit zwei Hilfskräften gemusterte Bänder webte, konnte jetzt ein ungelernter Arbeiter oder sogar ein Kind dank der Lochkarten-Technik eine ganze Reihe komplizierter Muster weben. Dafür war der Webstuhl aber so teuer, dass nur ein Fabrikbesitzer ihn sich leisten konnte. „Und jetzt konnten die Fabrikbesitzer auch schnell auf die Mode reagieren und neue Muster herstellen“, erzählte Rhefus. Die Verdienstmöglichkeiten der Weber allerdings sanken stark. Sie bekamen für ihre Arbeit nur noch rund die Hälfte von ihrem vorherigen Stundenlohn. Das wiederum führte dazu, dass nun auch die Kinder mitarbeiten mussten.

Das Haus, in dem sich heute das Museum für Frühindustrialisierung befindet, wurde 1899 von der Familie Kannegießer gekauft. Sie lagerte dort Lebensmittel und betrieb eine Kaffeerösterei. Die Remise nebenan wurde 1911 als Stall nach englischem Vorbild gebaut. „Dort standen die Pferde auf zwei Etagen, jeweils 50 Stück“, berichtete Rhefus.

Das heute als Engels-Haus bekannte Fachwerkgebäude wurde 1775 gebaut. Friedrich Engels wurde dort zwar nicht geboren, wuchs dort jedoch auf. Es wird gerade renoviert. „Die Bauforschung hat ergeben, dass die Küche ursprünglich nicht im Erdgeschoss war“, verriet Rhefus eine neue Erkenntnis. Innovativ war damals die Technik, mit dem Rauch aus der Küche über kleine gusseiserne Öfen andere Wohnräume zu beheizen. Der Schiefer an der Fassade sei erst später angebracht worden, erklärt der Experte. Und die hohe Freitreppe, auf der sich heute gerne Besuchergruppen aufstellen, hatte damals einen praktischen Nutzen: Bei Hochwasser stand das Erdgeschoss nicht unter Wasser.

Beim Tag des offenen Denkmals durften die Besucher auch das private Gebäude neben dem Engels-Haus betreten: Es wurde 20 Jahre später erbaut und hat einen klassizistischen Dreiecks-Giebel. Innen sind eine geräumige Diele und großformatige Bilder mit romantischen Szenen zu bewundern. Noch mehr dem Klassizismus verpflichtet ist das Barthelshaus, das von der Berliner Straße neben die Engels-Häuser umgezogen wurde. Die Holzfassade erweckt den Anschein von Säulen ganz nach klassischem Vorbild. „Das war eines der ersten Denkmalprojekte der Stadt Wuppertal“, erzählt Rhefus.

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