Die Erfindung des Massentourismus

Wuppertaler Geschichte : Die Erfindung des Massentourismus

Detlef Vonde über den Wichlinghauser Weltbürger Hubert Tigges.

Auch wenn er den Begriff nie so recht gemocht hatte, Dr. Hubert Tigges erfand die heute so populären Bildungs- und Studienreisen, und er tat dies Anfang des 20. Jahrhunderts in Wuppertal. Allerdings ging das organisierte Reisen auf den Engländer Thomas Cook zurück, der Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst Fahrten für Abstinenzler-Vereine und Sonntagsschulen organisiert hatte, dann aber dazu übergegangen war, Sonderzugreisen zu den damals populären großen Londoner Ausstellungen zu veranstalten, um schließlich für die neuen städtischen Mittelschichten Fahrten auf den Kontinent anzubieten. „Ferien“ waren im Zuge von Industrialisierung und Urbanisierung zu einem bürgerlichen Besitzstand geworden. Das Reisen galt im 19. Jahrhundert très chic als ein Privileg wohlhabender sozialer Schichten. Der ehemalige Wanderprediger Thomas Cook erkannte jetzt ein lukratives Geschäft und machte daraus ein erfolgreiches Unternehmen: Reisen für buchstäblich alle. Nirgendwo in Europa gab es dazu ein vergleichbares Pendant. Aber dann kam Hubert Tigges.

Als ältestes von zwölf Kindern im sauerländischen Förde geboren, wächst er in bescheidenen Verhältnissen auf: Der Vater arbeitet hart in einer Dynamitfabrik, bringt mit Mühe die große Familie durch, ermöglicht es jedoch seinem Ältesten, einem Arbeiterkind und damit gegen den Trend der Zeit, ein Gymnasium zu besuchen. 1918 kehrt der ehemals freiwillige Rekrut von brutalen Fronterlebnissen völlig zermürbt aus dem industrialisierten Weltkrieg zurück. Ein biographisches Schlüsselerlebnis: Hubert Tigges schwört künftig jeder Form des Nationalismus ab und wird zum überzeugten Pazifisten. Der Vater kauft 1920 eine Kneipe in Wichlinghausen, Sohn Hubert kehrt dorthin zurück, verdingt sich nebenher auch als Hilfsarbeiter beim Rheinwerk und lehrt ab Sommer 1926 als Dozent an verschiedenen Volkshochschulen der Region: Eine damals neue Institution, die Bildung für alle versprach und damit zu den progressiven Errungenschaften der Weimarer Republik gezählt werden muss. Seine Studienreisen nach Paris, Versailles, in die Schweiz, nach Oberitalien und Venedig werden zum echten Publikumserfolg.

Weltbürger und radikaler Pazifist: Dieses Selbstkonzept passt allerdings nicht in das ideologische Sendungsbewusstsein von Volkshochschulen zu Beginn der 30er Jahre, als die Lehrpläne und Studienangebote gleichsam vorauseilend einem autoritär nationalistischen Zeitgeist angepasst werden. Tigges stört. Seine Demission von den Volkshochschulen der Umgebung ist ein mikrohistorisches Beispiel für den schleichenden Verfall demokratischer Strukturen vor der Machtübertragung an die Nazis. Ab 1930 arbeitet er in Sachen Tourismus komplett auf eigene Rechnung: Zunächst mit der Bahn, ab 1933 mit dem Autobus samt „Küchenanhänger“, Reiseleiter und „Fahrtenfrau“. Das Start-Up-Unternehmen brummt: Tigges, ein “deutscher Thomas Cook“ und Kosmopolit, der die Nazizeit durch Unauffälligkeit „irgendwie übersteht“.

Tigges versus
Enzensberger

Nach dem Krieg: Der Pionier der Studienreisen entwickelt schnell einen Markenartikel, der offenbar dem Bedürfnis der Zeit Rechnung trägt: Reisen und Bildung als organisiertes Gruppen-Erlebnis. 1958, auf der Höhe des „Wirtschaftswunders“, veröffentlicht schließlich der Dichter Hans Magnus Enzensberger seine noch heute berühmte Tourismus-Kritik. Pauschales Reisen sei nichts anderes als der krampfhafte Versuch der kleinbürgerlichen Gesellschaft, „den Finsternissen und Mietskasernen von Birmingham und Glasgow, von Bochum und Wuppertal“ zu entfliehen. Er nennt das „Zeit-Reisen mit Rückfahrtschein.“ Hatte er Wuppertal gesagt? Für Tigges ein Kardinalfehler: Enzensberger hatte seine Wahlheimat beleidigt. Tigges verteidigte in der Folge denn auch weniger das individuelle Recht auf Reisefreiheit als vielmehr den diskreten Charme seiner Heimatstadt, der er Zeit seines Lebens treu blieb, obwohl es ihn stets nach Italien zog. Tigges, der gern großbürgerlich in einer Art „Castel del Monte“ auf dem Falkenberg residiert hätte, kauft schließlich in der Mozartstraße ein Haus im Stil der Gründerzeit für seine vielköpfige Familie. Hier lebt er bis an sein tragisches Ende: Im Februar 1971 wird der Reise-Unternehmer beim Spaziergang von einem Lieferwagen überfahren.

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