Die Elberfelder Turnhalle ist für Anni Schmitz wie ein Wohnzimmer

Wuppertal : Die Turnhalle ist für Anni Schmitz wie ein Wohnzimmer

Die 82-Jährige ist seit 46 Jahren Vorsitzende des Elberfelder Turnvereins und steht immer noch selbst mit den Kindern in der Halle.

„Das hier ist praktisch mein Wohnzimmer. Hier bin ich öfter als zu Hause“, sagt Anni Schmitz (82) und schaut sich um in der kleinen Turnhalle Reiterstraße in der Elberfelder Nordstadt. Die körperlich wie geistig quicklebendige Seniorin ist nicht nur seit 46 Jahren Vorsitzende des 130 Mitglieder starken 1881 gegründeten  Traditionsvereins, sondern auch seit 50 Jahren Übungsleiterin. Und das gleich für mehrere Kurse in der Reitstraße, der Schusterstraße und im Auftrag der evangelischen Kirchengemeinde am Eckbusch.

Ihre Kursteilnehmer sind zwischen zwei  und 90 Jahren alt, und offenbar trifft sie für alle Altersgruppen stets den richtigen Ton, wobei ihr die Freude an der Gymnastik mit ihren Schützlingen deutlich anzusehen ist.

„Ist das nicht herrlich?“, fragt sie und schaut liebevoll auf die Kleinsten, die nach und nach in der Halle eintrudeln und sich erst mal einen Ball schnappen. „Ja, die Kleinsten wollen erst mal spielen“, sagt Anni Schmitz, die dann aber die gymnastischen Übungen vormacht und sich freut, wenn die Mädchen und Jungen dabei sind, ihr nachzueifern.

„Ich mache alles vor und alles mit“, sagt Anni Schmitz voller Überzeugung, während Brigitte Zouai ihr bei der Vorbereitung der Übungen hilft. „Das macht die Brigitte auch schon seit 15 Jahren“, sagt Schmitz, die froh ist, dass sie der Vereinskassierer Federico Betinelli seit 30 Jahren bei der Vorstandsarbeit tatkräftig unterstützt.

Mit Turnen und
Kanufahren fing es an

Anni Schmitz ist Jahrgang 1936 und stammt aus Castrop Rauxel, wo ihr Vater im Pütt gearbeitet hat. „Ich bin erst 1954 durch meinen Mann Willy nach Wuppertal gekommen, und durch ihn habe ich auch den Sport kennen gelernt.“

„Der Sport und ich, das war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. „Wir haben uns nicht nur dem Turnen, sondern auch dem Kanusport gewidmet. Und weil mir das so gut gefiel, habe ich alle möglichen Übungsleiter- und Jugendleiterscheine erworben. Mein im vorigen Jahr leider verstorbener Mann und ich haben uns in unserer Freizeit praktisch nur dem Sport verschrieben“, erzählt die Vereinsvorsitzende und Trainerin.

„Ich habe davon keine Sekunde bereut. Ich habe durch den Sport so viele Menschen kennen gelernt, die ich sonst wohl nie getroffen hätte“, sagt die einstige Krankenschwester und erinnert an den früheren Vorsitzenden des Stadtsportbundes und späteren Staatssekretär Willfried Penner, ganze Generationen von Oberbürgermeistern und die Einladung zum „Fünfzigsten“ von Johannes Rau. Aber auch jenseits der Promis hat ihr der Umgang mit Menschen immer Spaß gemacht.

Das hat es ihr auch erleichtert, vor 46 Jahren das Amt der ersten Vorsitzenden des nur während der Nazidiktatur verbotenen Elberfelder Arbeitervereins zu übernehmen. „Ich war damals die erste Frau, die Vorsitzende eines Turnvereins geworden ist“, berichtet Anni Schmitz nicht ohne Stolz. Dennoch: Wenn sie einen Wunsch frei hätte, wäre es ihr schon recht angenehm, wenn sie dieses Amt nach 46 Jahren  in jüngere Hände legen könnte. „Aber leider findet sich offenbar niemand“, sagt sie, schaut dann aber wieder auf das fröhliche Gewusel in der Turnhalle Reiterstraße.

„Unsere Pauline lässt keine Übungsstunde aus“, sagt Vater Christian, der die Kleine schon im Tragetuch mitgenommen hat, als er Paulines große Schwester zum Turnen brachte. „Anni Schmitz findet einen tollen Draht zu den Kindern“, lobt die Mutter von  Nele (4).

„Die Arbeit hier im Sport ist ein ständiges Geben und Nehmen, und mir hat sie besonders viel gegeben“, sagt die Anni Schmitz. „Und das möchte ich  gegen nichts eintauschen.“

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