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Die Bütt: Werner Kleine aus Wuppertal spricht über Karneval und Kirche

Kirche in Wuppertal : Was glauben Sie denn? Die Bütt

Es sind jecke Zeiten. Im Rheinland darf man an den fünf tollen Tagen endlich so sein, wie man immer sein möchte. Dieser pathologische Zustand ist dem Wuppertaler an sich fremd. Hier sind die Menschen einfach immer so, wie sie sind: Bodenständige, zupackende und selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger einer liebenswerten und ungeschminkten Stadt mit ihren Schrunden und Schrullen, die ihr einen so einzigartigen Charakter und ein Profil verleihen, die im jecken Rheinland ihresgleichen suchen.

Im Rathaus allerdings scheinen die Närrinnen und Narren ganzjährig das Zepter zu schwingen. Der Hoppeditz schläft hier offenkundig nie! Was da an Personalpolitik, hochfliegenden Zukunftsträumen und stadtplanerischen Phantasien geboten wird, ist bisweilen von höchstem Unterhaltungswert. Nach Jeckengewohnheit erwartet man immer wieder mal einen Tusch – der dann aber doch nicht kommt. Es ist dann eben doch kein Spaß, sondern an Realsatire grenzende Wirklichkeit, mit der sich die Stadt eines Zuckerfritz, einer Mina Knallenfalls und eines Husch Husch konfrontiert sieht, denen man immerhin lebensgroße Denkmäler aus Bronze gesetzt hat.

Nun huldigt die Stadt für ein Jahr mit Engelszungen einem ihrer Söhne, der sogar im fernen China so bekannt ist, dass man der Stadt von dort Geschenke macht. So kann man jetzt im Engelsgarten vor dem Engelshaus eine überlebensgroße bronzene Engelsstatue bestaunen, die nächtens beleuchtet alles in den groben Schatten stellt, was Wuppertal sonst noch an Persönlichkeiten zu bieten hat (ob es 2023 wohl ein Derrick-Jahr zum 100. Geburtstag von Horst Tappert gibt, 2037 ein Rita-Süssmuth-Jahr und 2042 ein Alice-Schwarzer-Jahr?). Egal – jetzt sind Engelszeiten im Tal der ehemals wild wogenden Wupper, die längst gezähmt in ihrem Bett liegt. Beifall und Bravorufe brandeten jedenfalls am 15. Februar 2020 im Opernhaus bei der festlichen Eröffnung des Engelsjahres bei der rezitierten Forderung einer progressiven Kapitalertragsbesteuerung auf. Die empfahl der Jubilar schon 1845 in seiner Elberfelder Rede den damals anwesenden „Herren“ (von Damen ist leider nichts überliefert – es waren halt andere Zeiten damals) als Lösung der Fragen der allgemeinen Erziehung der Kinder und der totalen Reorganisation des Armenwesens. Danach kehrt er - nicht ganz freiwillig - dem Tal der Wupper den Rücken. Dort widmeten sich mit Johann Gregor Breuer und Adolph Kolping zwei weder aus Barmen noch Elberfeld stammende christliche Protagonisten mit nicht weniger wirkmächtiger Verve den sozialen Fragen der Zeit. Noch heute kann man ihre Spuren im Stadtbild sehen (man denke nur an das St. Josephs-Krankenhaus in Elberfeld).

Wie auch immer: Die von Friedrich-Engels angemahnte „totale Reorganisation des Armenwesens“ ist bis heute eine bleibende Aufgabe, der man sich in der Verwaltung verpflichtet sieht. Am Umgang mit Armen und am Rand der Gesellschaft Stehenden erkennt man schließlich den Charakter einer Stadt. Das in bleu gehaltene Pissoir am Döppersberg, das den „Herren“ aus der Szene öffentliche Erleichterung in fußläufiger Nähe ermöglicht (von Damen ist leider nichts überliefert – man kann ja schließlich nicht an alles denken ...), ist da ein echtes Denkmal aus Plaste für eine weitere tolle Idee aus jenem Käfig voller Narren mit Namen „Rathaus“ – eine blaue Bütt zur jecken Zeit. Was hätte wohl „Husch, Husch“ zu dieser totalen Reorganisation des Bedürfniswesens gesagt? Ernst nehmen kann man die Urheber einer solchen Idee wohl kaum (Damen werden es in diesem Fall wohl nicht gewesen sein – die hätten hier sicher bedürfnisorientierter gedacht ...). In närrischen Zeiten wie diesen fällt dem Schreiber dieser Zeilen da nur ein an Psalm 32,9 angelehnter Versreim ein: „Der Worte sind genug gewechselt, seid Sehende nicht blind, werdet nicht wie Ross und Maultier, die verstandlos sind.“