Die Börse wird 35 Jahre alt

Die Börse wird 35 Jahre alt

Die Börse war und ist zugleich Kulturstätte und politisches Forum.

Wuppertal. Die Börse gilt, über die Stadtgrenzen hinaus, als kulturelle Ideenschmiede. Vor 35 Jahren ging das Kommunikationszentrum an den Start - damals an der Viehhofstraße. "Den Börsen-Verein zu initiieren hatte keinen konkreten Grund. Wir hatten ein politisches Bewusstsein und wollten etwas bewegen", erklärt Anna Tykwer, Gründungsmitglied und lange die einzige Frau in der leitenden Truppe.

Es waren die umtriebigen 70er Jahre, die Zeit der Bürgerinitiativen, erinnert sie sich. Inspiriert vom Flair ("ich bin eine echte 68erin") kniete sich die junge Mutter - die Söhne Mark und Tom gingen zur Grundschule - ebenso wie ihre Mitstreiter in das Projekt. "Vorstandssitzungen gingen bis weit in die Nacht. Was wir taten, war von großer Euphorie und starkem persönlichen Engagement getragen."

Selbstverständlich hat man gemeinsam das Gebäude an der Viehhofstraße renoviert, "da haben alle mit herumgewühlt". Vor allem erinnert sich Anna Tykwer ("mein Blick auf die zurück auf diese Zeit ist positiv") , die damals "Annas Laden" in der Luisenstraße ihr Eigen nannte, an Widrigkeiten: "Wir galten als subversiv und bedrohlich", die konservative Hälfte des Stadtrats war prinzipiell gegen die Börsianer, um jeden Pfennig musste hart gekämpft werden. "Als Vorstandssprecherin habe ich oft Anrufe bekommen, die nicht nett waren", fasst sie höflich all die Schmähungen zusammen. Hinsichtlich dessen, wie die Börse heute verankert ist, lautet ihr Resüme: "Was sind die im Vergleich zu uns heute abgesichert."

"Die Börse hatte damals eine herausragende Stellung. Das war der zentrale Ort, an dem man sich traf", heißt es in der Rückschau von Jörg Heynkes. Nicht nur, dass der heutige Chef der VillaMedia damals "jede meiner Freundinnen hier im großen Saal kennen lernte". 24 Monate ("eine unvorstellbar lange Zeit") absolvierte er, übrigens ebenso wie "Restlicht"-Autor und heutiger Radiosender-Chef Jochen Rausch, in den 80er Jahren an jenem Ort seinen Zivildienst.

Martina Steimer, heute Rex-Geschäftsführerin, saß damals mit im Büro, Frank Gniffke "erfand" den legendären "Wackeltreff" und Frederik Mann war "Dreh- und Angelpunkt" im Börsen-Geschehen, das damals "sehr politisch" war. Einige Male verließ der Zivi "mit schlotternden Knien" das Haus, Angriffe von Skinheads waren keine Seltenheit. Ähnlich häufig gab es übrigens seitens der Polizei Razzien wegen ebendieser politischen Veranstaltungen, von denen Anna Tykwer sagt, "wir hatten ein linkes Bewusstsein, waren aber keinesfalls radikal". Eher ein Ort, wo sich auch Geistesgrößen der Zeit einstellten - wie etwa Erich Fried oder Allen Ginsberg, die in der Börse lasen.

Gab es in den umtriebigen 70er und 80er Jahren " wohl keine Initiative oder Verein, der damals nicht an der Börse sein Domizil gehabt hätte", wie es Historiker Michael Okroy beschreibt, hat sich das Profil der Börse natürlich verändert. Als "Ort für politisches Geschehen" beschreibt Geschäftsführerin Petra Lückerath die Institution an der Wolkenburg noch immer.

Die Band Blunt und Poetry-Slam-Lesungen des Teams Michael Wefers, Jonas Jahn und Marco Kreye formen heute das Programm ebenso wie Tanz- und Theaterprojekte, Uni-Partys und Konzerte. Anlässlich des runden Geburtstages - der übrigens hochoffiziell am 23. Oktober gefeiert wird - kehrt heute ein alter Freund des Hauses an die Wolkenburg zurück. Der holländische Pianist und Keyboarder Jasper van’t Hof, ein renommierter und Experimenten nie abgeneigter Jazzmusiker, tritt an. Unvergessen sein Track Pili-Pili, ein echter Diskotheken-Abräumer, der den Nerv der Zeit traf und den Ethno-Pop-Jazz-Trend initiierte. Das richtige Geburtstagsständchen für einen Ort, der sich in 35 Jahren immer wieder neu erfunden hat.

Mehr von Westdeutsche Zeitung