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Die Börse baut ein kleines Wuppertal ins Schauspielhaus

Projekt : Die Börse baut ein kleines Wuppertal ins Schauspielhaus

In zehn WG-Zimmern wird drei Wochen lang Lokalpolitik am Küchentisch diskutiert.

Ins verwaiste Schauspielhaus an der Bundesallee kehrt das Leben zurück. Ein Team aus Künstlern, Akademikern und engagierten Bürgern hat seit Donnerstag die Arme hochgekrempelt und lässt im Foyer eine WG-Wohnung mit zehn Zimmern entstehen. Am gestrigen Montag waren bereits die ersten Rigipswände gezogen. „Das ist jetzt so ein Gefühl wie vor dem Einzug in eine WG“, sagt Dagmar Beilmann, Projektleiterin der Börse, die als Veranstalter auftritt.

Ein „demokratisches Experiment“ haben Iris Ebert (26), Christoph Rodatz (51) und Pierre Smolarski (36) von der Uni gemeinsam mit Beilmann ausgeheckt. Alle drei kommen aus dem jungen Studiengang „Public Interest Design“ - einer Art Designstudiengang mit sozialem Anspruch - und werden das Projekt am engsten begleiten. Denn sie ziehen für drei Wochen in das Klein-Wuppertal im Schauspielhaus.

„Ja, wir schlafen wirklich hier. Nur zum Duschen wird es mal nach Hause gehen, sonst will uns am Ende keiner mehr besuchen“, sagt die Studentin Iris Ebert. Die 26-Jährige wird ihre Master-Arbeit über das Projekt „Wohnen in der Politik“ schreiben. Denn bei der besonderen WG im Schauspielhaus geht es nicht nur um gemeinsames Tatort-Schauen am Sonntag. Dozent Pierre Smolarski erklärt: „Wir wollen die Politik erlebbar machen, die vor unserer Tür stattfindet.“

Daher lädt die WG vom 7. März bis 29. März fast jeden Tag zu einer offenen Runde an den riesigen Küchentisch ein. „Der Küchentisch ist eben der Ort, an dem in der WG über Politik diskutiert wird“, sagt Smolarski. Da tagt dann beispielsweise an einem Tag der Jugendrat in der WG-Küche oder das Freie Netz Werk Kultur spricht über den aktuellen Stand in Sachen Pina-Bausch-Zentrum.

Die Türen der Kreativen sind aber auch ansonsten täglich von 14 bis 22 Uhr (außer am Ruhetag Montag) für interessierte Besucher geöffnet, die einfach nur mal schauen und mit den Bewohnern reden möchten. Deren WG wird auch ganz ohne Diskussionen einen Abstecher wert sein.

Die WG-Möbel stammen aus
Wuppertaler Wohnungen

Jeder der zehn Räume wird nämlich einem Wuppertaler Stadtbezirk zugeordnet und - das ist das Besondere - auch mit Möbeln aus dem Stadtbezirk ausgestattet. „Wir haben über E-Bay Möbelstücke aus den jeweiligen Stadtteilen gekauft“, sagt Iris Ebert. So wird beispielsweise im Ronsdorfer Raum ein gebrauchtes Bett aus einem Ronsdorfer Haushalt stehen und in der Barmer Bude sitzen die Gäste eben auf einer authentischen Couch aus dem Bezirk. Auf diese Weise wird am Samstag jeder Raum mit drei bis vier Möbeln bestückt sein.

„In Uellendahl-Katernberg war das am schwierigsten, da verkaufen die Leute offenbar keine Möbel. Jetzt haben wir eben einen Raum ohne Bett oder Schlafcouch“, sagt die Design-Studentin. „Mit den gebrauchten Möbeln hat alles angefangen“, berichtet Smolarski vom Ideenfindungsprozess der vor ungefähr zwei Jahren angefangen hat.

Die Börse finanziert die Projektkosten in Höhe von 70 000 Euro mit einem Eigenanteil in Höhe von zehn Prozent. Der Rest ist öffentlich gefördert vom NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste, dem Landes-Kulturministerium, dem Fonds Soziokultur, der Stadtsparkasse und der Stadt Wuppertal.

Dagmar Beilmann betont, dass für die Haupt-Akteure am Ende für ihren fast Rund-um-die-Uhr-Einsatz nicht mehr als Taschengeld bleibt. „Da steckt viel Idealismus drin“, sagt die Projektleiterin von der Börse. Smolarski stellt zudem klar, dass die Aktion zwar an die Masterarbeit von Iris Ebert geknüpft ist, es sich aber um kein offizielles Uni-Projekt handelt. „Wir verstehen uns hier als freie Künstler“, sagt Christoph Rodatz.

Das Schauspielhaus ist als Projekt-Ort ein Glücksgriff und problematisch zugleich. Vor allem die Brandschutzauflagen seien sehr streng, wie Beilmann berichtet. „Das ist sehr schade, wir hatten uns das so schön vorgestellt, wie wir hier in der WG zusammen kochen“, sagt sie. Doch das sei verboten. So wird’s dann wohl höchstens Ravioli aus der Dose geben. Vielleicht kommt auch mal der Pizzabote - falls der die Lieferung ins alte Schauspielhaus nicht für einen Jux-Anruf hält.