Die Biennale als Wille und Vorstellung

Die Biennale als Wille und Vorstellung

Jörg Degenkolb-Degerli und Hank Zerbolesch ließen zum Abschluss das diesjährige Literatur-Festival Revue passieren.

Fast zwei Wochen Literaturfestival, knapp 14 Tage Lesungen, Diskussionen und Preisverleihung — wie fasst man all das zusammen und bringt es auf einen — literarisch gefärbten — Nenner. Dieser Aufgabe, man kann auch sagen: Herausforderung, haben sich am Samstagabend die beiden Wuppertaler Autoren Jörg Degenkolb-Degerli und Hank Zerbolesch in der Börse gewidmet. Zum Abschluss der vierten Wuppertaler Literatur-Biennale ziehen die beiden unter dem Motto „Kreuz und Qwertz“ ihr persönliches Fazit zu dem Festival, loben einzelne Veranstaltungen, karikieren bestimmte Muster und Binsen des Literaturbetriebes, sparen aber auch nicht mit kritischen Querschüssen zu einzelnen Auftritten.

Getreu dem Motto des diesjährigen Festivals — #SchönLügen — nimmt es das Duo mit der Wahrheit nicht immer ganz so genau — und manchmal sind es eben auch die kreativ-literarischen Gäule, die mit den beiden durchgehen. Degenkolb-Degerli liest immer wieder Passagen aus seinem „Biennale-Tagebuch“ und berichtet von einzelnen Stationen des Festivals, Zerbolesch rezitiert aus einigen Büchern, die auf dem Literatur-Festival vorgestellt wurden. Zwischendurch spielt er auch multimediale Schnipsel ein, die er bei der und rund um die Biennale gesammelt hat.

An zwei Tischen sitzend teilen sich die beiden eine Bühne; zwischen ihnen eine Leinwand und Platz für spielerische Einlagen. Degenkolb-Degerli versucht sich ziemlich zu Anfang des Abends als Poetry-Slammer — in Erinnerung an die Veranstaltung vom 8. Mai, als in der Börse Bühnenpoeten ihre Wortgewandtheit unter Beweis stellten. Die Begeisterung für diese Art der literarischen Kurzeinspielung hält sich bei Degenkolb-Degerli nach eigenen Worten — auch mit Verweis auf sein Alter - deutlich in Grenzen: „Poetry Slam ist für mich eigentlich durch.“ Aber dann gewinnt er eben doch an Fahrt in seinem Vortrag, zumindest solange seine Frau nicht zu laut lacht, denn das sei für ihn „sehr verletzlich“, verrät er.

Zerbolesch hingegen macht keinen Hehl aus der Tatsache, dass ihn so mancher Auftritt eines Autors vor Rätsel gestellt hat. So hat er zum Beispiel die Ausführungen von Thomas Glavinic, der aus seinem Buch „Der Jonas-Komplex“ vorgelesen hatte, nicht verstanden: Der österreichische Akzent des in Graz geborenen Schriftstellers war einfach zu stark, zudem wirkte auch der Vortrag offenbar etwas fahrig. Dabei schätze er Glavinic sehr, betont Zerbolesch. Und bei der Lesung von Sten Nadolny ärgert ihn das „intellektuelle Gewichse“, dessen sich Literaturkritikerin Sigrid Löffler im Gespräch mit Nadolny und dessen „narrativen Duktus“ befleißigt hat. Von dem Buch ist er dann allerdings doch ergriffen.

Da die Zeit aber bekanntlich knapp ist und längt nicht alle Termine der Biennale von den beiden besucht werden konnten, müssen einige Bücher dann eben „im privaten Zirkel“ besprochen werden. Das tun die beiden mit dem Roman „Kraft“ des Schweizers Jonas Löscher und lassen natürlich auch die Besucher des Abends an ihren Weisheiten teilhaftig werden. Sie liefern sich ein hoch-intellektuelles Gespräch über den Roman, werfen mit Begriffen wie „auktorialer Erzähler“ um sich, sehen die Dekonstruktion den Roman auf den Kopf stellen und wagen schlagzeilenträchtige Analogiebildungen: Da wird dann der Protagonist des Buches zum „Forrest Gump der zeitgenössischen Literatur“ (Degenkolb-Degerli).

Ob und inwieweit diese Aussagen der Wirklichkeit entsprechen, bleibt die ungeklärte Frage. Getreu dem Motto der Literatur-Biennale #SchönLügen kann man wohl sagen: Manchmal ist die Simulation schöner als die Wirklichkeit.

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