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Der Wuppertaler Zoo auf dem Weg in die Zukunft

Zoo 4.0 : Der Wuppertaler Zoo auf dem Weg in die Zukunft

Arne Lawrenz definiert Tierliebe neu. Im Grünen Zoo bleibt nichts, wie es ist, aber alles wird besser – für Tier und Mensch. Das ist das Ziel aller Mühen.

Der Prozess ist schleichend, aber schon sichtbar. Wuppertals Zoo verändert sich. Das geschieht nach und nach seit sechs Jahren und hat mit der Berufung von Arne Lawrenz zum Nachfolger von Ulrich Schürer als Leiter des Zoos begonnen. Damals gab Lawrenz dem städtischen Betrieb den Beinamen „grün“. Er sei davor gewarnt worden, erinnert sich der promovierte Tierarzt noch. Das sei zu politisch. „Aber so habe ich das gar nicht gemeint.“ Grün sollte und soll die Art und Weise beschreiben, wie der Zoo mit Tier und Umwelt verfährt. Nachhaltig, rücksichtsvoll, am Wohl der Tiere orientiert. Mit Politik habe das nichts zu tun gehabt.

Seither ist vieles anders geworden auf dem wunderschönen Gelände an der Hubertusallee. Gehege wurden großzügiger, moderner, was vor allem der Unterstützung des Zoovereins und engagierter Bürger zu verdanken ist. Aralandia wird europäische Maßstäbe setzen, weil die Aras nicht mehr angekettet auf Ästen sitzen, sondern im freien Flug ihre ganze Ästhetik entfalten können.

Lawrenz folgt einer anderen, einer neuen Idee. Es geht nicht mehr darum, Tiere zu halten, weil es möglich ist, es geht darum, sie zu haben, weil es nötig ist. Der Wuppertaler Zoo ist heute eingebunden in ein weltumspannendes Netz von Wissenschaftlern, die sich um die Erhaltung bedrohter Tierarten kümmern. Sich dazu zu bekennen, hat für jeden Zoo logische Konsequenzen. „Wir brauchen für uns eine Erklärung. Wir halten Tiere nicht, weil wir es können, und auch in erster Linie nicht für die Zuschauer. Wir fragen uns, was der Art nutzt“, erklärt Lawrenz.

Der Zoo habe freilich auch Tierarten, die nicht bedroht sind. Erdmännchen zum Beispiel. Sie gehören zu den Stars auf dem Gelände, werden  heiß geliebt und viel fotografiert. Und sie stehen auf keiner Roten Liste. Dass der Wuppertaler Zoo sich dennoch mit ihnen beschäftigt, liegt an seiner neuen Ausrichtung. Bei den Erdmännchen geht es um Verhaltensforschung. Dafür arbeiten die Wuppertaler mit einer Wissenschaftlerin in der Schweiz zusammen. Die Frage ist, warum sich die vermeintlich niedlichen Tiere so verhalten, wie sie es tun. Daraus lassen sich Rückschlüsse darauf ziehen, wie sie in Zoos gehalten werden müssen, damit sie leichter ausgewildert werden können. Denn auch darum geht es. Zoos in aller Welt, auch der Wuppertaler helfen, Populationen zu erhalten, wo das notwendig ist.

Bei genauer Betrachtung sind Erdmännchen übrigens gar nicht so niedlich. Das haben der Direktor und seine Mitarbeiter schon erforscht. „Der Aufpasser steht da den ganzen Tag und bekommt nichts zu fressen“, erklärt Lawrenz. Die Gruppe sei sehr streng hierarchisch organisiert. Die Königin beherrsche alles und beiße Konkurrenz im wahrsten Sinne  weg. Bei den hübschen Tierchen geht es auch innerhalb der Familie ständig um Leben und Tod, Rücksicht hat da keinen Platz. „Je besser wir die Tiere verstehen, desto besser können wir dem Artenschutz nutzen. Deshalb ist unsere Forschung kein Selbstzweck.“

Sich mehr auf die Tiere im Zoo einzulassen, sie nicht mehr nur des Zeigens wegen zu halten, wird die gesamte Anlage verändern. Die einzelnen Anlagen werden eher größer. Das erfordert mehr Geduld der Besucher. Dafür bekommen sie dann aber Tiere zu sehen, die sich mehr denn je verhalten, wie sie es in freier Wildbahn auch täten, nicht ganz so, aber annähernd.

Ein paar exotische
Tierarten weniger

Das ist ohnehin eines der Hauptziele von Lawrenz und seiner Mannschaft, auch wenn das bedeutet, dass es in Wuppertal ein paar exotische Tierarten weniger zu sehen gibt. Der Zoo rückt an die Natur heran. Das bedeutet auch, scheinbar unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Heute wird die Fortpflanzung der Tiere mit Verhütungsmitteln gesteuert. Es gehört aber zu Tieren, dass sie Nachwuchs zeugen. Es beeinflusst ihre Lebensqualität und ihr Verhalten. Um den Tieren dieses Privileg nicht länger zu nehmen, kann Lawrenz sich vorstellen, überzählige Jungtiere sanft zu töten, wenn sie nicht an andere Zoos abgegeben werden können. Das klingt brutal und ist auch für die Pfleger nicht schön, aber es entspricht der Natur. Und darum geht es.

Mit all diesen Ideen und Plänen steht Arne Lawrenz am Anfang, Gleichwohl hat sich der Zoo weithin als „grün“ herumgesprochen. Ohne es ahnen zu können, hat Lawrenz vor sechs Jahren den Zeitgeist aufgenommen, der heute Bewegungen wie Fridays for Future so wuchtig macht. Und das bestärkt ihn, den Weg weiter zu gehen. Also wird Wuppertal sehr wahrscheinlich in absehbarer Zeit größere Gehege haben, in denen mehrere Tierarten miteinander leben. Darin bestimmen die Tiere wie heute schon  jederzeit selbst, ob sie sich in zugehörigen Gebäude oder unter  freiem Himmel aufhalten wollen. Die Fütterung  soll in absehbarer Zeit so gestaltet werden, dass sie dem Verhalten in der freien Wildbahn bestmöglich entspricht. „Echte Jagdszenen wird es dabei natürlich nicht geben. Das verbietet das Tierschutzgesetz, und wir wollen es auch nicht“, sagt der Direktor. Aber den Jagdinstinkt einer Katze zu bedienen, sei auch anders möglich. Darüber dächten seine Mitarbeiter und er intensiv nach. Erste Lösungsansätze gibt es bereits.

Der Zoo will grundsätzlich mehr Respekt vor den Tieren zeigen. Das kann für die Menschen  verschmerzbare Folgen haben. Wenn Lawrenz von Arten- und Naturschutz spricht, dann geht das nicht nur seinen eigenen Betrieb an. Der Wuppertaler Zoo ist längst weltweit vernetzt, beteiligt sich über alle Grenzen an Forschungs-, Fortpflanzungs- und Auswilderungsprogrammen. Das bedeutet, Tiere können jederzeit kommen und gehen. Deshalb ist es für Lawrenz auch fragwürdig, Namen zu verteilen. Denn Namen schaffen eine Nähe, die womöglich nicht dauerhaft sein kann.

Das ist ein Spagat, den der Zoo auf seinem Weg in die Zukunft vollführen muss, und dessen 55 Jahre alter Direktor ist willens, ihn zu versuchen. Das heißt, dass Besucher ausgesuchten Tieren auch künftig noch nahe kommen können. Das gilt kostenfrei für behinderte und schwerkranke Menschen und gegen Geld für jene, die unbedingt einmal einen Elefanten berühren möchten. Für Lawrenz ist das ein schmaler Grat, den er beschreitet. Denn was der Zoo damit erlöst, fließt in den Artenschutz auf den Kontinenten dieser Erde. Dazu fühlt und hat sich der neue Grüne Zoo Wuppertal verpflichtet.