Der Wuppertaler Oper gelingt ein erstklassiger Start

Premiere : Der Oper gelingt ein erstklassiger Start

Die Kombination aus Les Noces und Oedipus Rex bot eine besondere Premiere.

Mit einer ganz besonderen Premiere eröffnete die Wuppertaler Oper ihre Spielzeit. Denn gleich zwei Werke standen auf dem Programm, die zu einer Story werden. Um es gleich vorwegzunehmen: Die Produktion ist sehens- und hörenswert.

In „Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters“ sucht man vergebens unter Igor Strawinsky nach seiner Komposition „Les Noces“ (Die Hochzeit). Es gibt nur einen Verweis auf die berühmte russische Tänzerin und Choreographin Bronislava Nijinska. Das leuchtet ein. Denn hierbei handelt es sich um ein maßgeblich von ihr detailliert durchchoreographiertes Stück. Bis zur Uraufführung war die Arbeit daran ein ständiges „Work in Progress“. Konzepte und Kostüme wurden immer wieder verworfen beziehungsweise geändert.

Unter anderem deswegen feilte Strawinsky ständig an der Partitur, gerade an der Orchestrierung. Er verwarf vieles. Es war nachweislich seine längste Zeit des Experimentierens. Schließlich blieb von der anfänglich geplanten Besetzung für ein riesiges Orchester (150 Musiker) nur ein Ensemble, bestehend aus vier Klavieren und einem großen Schlagzeugapparat, übrig. Die Lösung ist optimal, gehen doch so jenseits von Klangfarben die perkussive Musik und der gesungene Text mit seinen metrischen Qualitäten eine vortreffliche Symbiose ein.

Wie bei dieser Tanzkantate ist für Strawinsky auch bei dem Opernoratorium „Oedipus Rex“ das Szenisch-Musikalische wichtiger als die Literaturvorlage. Bewusst verwendet er bei letzterem Werk einen lateinischen Text. Denn ihm geht es nicht um eine verständliche Erzählung der allseits bekannten Geschichte. Dadurch kommt seine ritualähnliche Deutung des Stoffs voll zum Tragen.

Aus diesen beiden Ritualen macht das Regieteam um Timofey Kulyabin einen Psychokrimi. Beide Handlungen sind in einer Diaspora angesiedelt. Die Gesellschaft, nahöstlicher Herkunft anmutend, feiert groß Hochzeit, nämlich die von Iokaste und Ödipus: zunächst die Vorbereitung darauf und die Vermählung, dann das Fest am gedeckten Tisch. Darüber, in einem kleinen Kabuff, befindet sich der Kommissar Gregor Henze, der die Zwischentexte exzellent rezitiert. Er lässt anfangs am Laptop die Eheschließung Revue passieren. Als Rückblende nimmt er auch die eigentliche Tragödie war, als ihm gegenüber Ödipus mit verbundenen, zerstochenen Augen sitzt. Die Geschehnisse unten haben also bereits stattgefunden.

Tiefenpsychologisch wird ihnen nachgeforscht. Es stellt sich heraus, dass die Hauptperson bewusst Ungemach über sein Volk hat kommen lassen, um Rache daran zu nehmen, dass seine Mutter ihn zu Tode bringen lassen wollte. Es ist eine wohldurchdachte, stringente Umdeutung mit Hand und Fuß.

Sämtliche Gesangssolisten sind bestens disponiert, allen voran Almuth Herbst. Darstellerisch ist sie in Personalunion glaubhaft die Mutter und Gattin Iokaste. Ihr tragfähiger und beweglicher Mezzosopran trägt wesentlich zu dieser Charakterrolle bei. Ödipus ist Tenor Mirko Roschkowski, dem in dieser Inszenierung von Anfang an sämtliche in seiner Kindheit liegenden Verstrickungen bewusst sind. Sein lyrischer Tenor passt zu dem Protagonisten, der bis zuletzt seine eigenen Sünden zu verbergen sucht. Auch die anderen Sänger vom Opernensemble und einer vom Opernstudio überzeugen ausnahmslos.

Die rhythmisch-vertrackte Les-Noces-Musik kommt außerordentlich präzise aus dem Orchestergraben und harmoniert bis auf ganz wenige kleine Wackler mit den nicht minder heiklen Gesängen. Opernchor plus Extrachor im zweiten Teil (Einstudierung: Markus Baisch) lassen keine Wünsche offen. Das Sinfonieorchester Wuppertal spielt die Oedipus-Musik packend mit festem Zugriff, ausgewogen, differenziert und sehr sorgfältig. Johannes Pell am Dirigentenpult ist ein zuverlässiger Lotse durch die Partituren, auf den sich auch die Sänger und Chöre jederzeit verlassen können.

Der Schlussapplaus ist freundlich, gespickt mit ein paar Bravi gegenüber allen an der Produktion beteiligten Personen. Es gibt leider nur einen Vorhang – viel zu wenig aufgrund des erstklassigen Einstands der Wuppertaler Oper in die neue Spielzeit.

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