„Der Turm hält mich fit“

„Der Turm hält mich fit“

Ernst-Moritz Altmann besteigt auch mit 98 Jahren bei jeder Gelegenheit den knapp 27 Meter hohen Toelleturm.

Wohl mehrere hundert Besucher sind auch in diesem Jahr schon auf den Toelleturm gestiegen. Den Aufstiegs-Rekord dürfte aber Ernst-Moritz Altmann halten. Der 98-Jährige ist jeden Sonntag, wenn geöffnet ist, zu Gast auf dem 1887 erbauten und 26,5 Meter hohen Barmer Aussichtspunkt. Ein Taxi bringt ihn aus dem Barmer Tal hoch auf die Höhen, danach trinkt er im Eis-Café einen Cappuccino, und dann geht’s rauf. 146 Stufen. „Der Turm hält mich fit. Das ist Training für mich. Und wenn ich oben bin, genieße ich den Ausblick“, sagt Altmann und lacht zufrieden.

Beim Blick über Wuppertal und ins Bergische Land gibt er sich gegenüber Fremden recht kontakt- und auskunftsfreudig. Schnell kommt er dann auch auf seine Vita zu sprechen. „Wuppertal war für mich ein Glücksfall“, sagt der gebürtige Berliner mit den wachen Augen. Glück hatte er in den vergangenen Jahrzehnten reichlich, das betont er nur zu gerne. Zum Beispiel als Soldat im Krieg. 1942 wurde er am Maschinengewehr ausgebildet und in Russland eingesetzt. „Das habe ich nie benutzen müssen, ich habe keinen Menschen getötet.“ Ein Segen.

In Kiel überlebte der Feinmechaniker später einen Bombenangriff englischer Tiefflieger. Dusel pur. Und auch in der Vollmondnacht des 4. Oktober 1944 ist das Schicksal ihm wohlgesonnen. Im Zusammenhang mit der bekannten Schlacht um die Brücke von Arnheim ist der Grenadier Altmann mit seiner Kompanie an der deutsch-niederländischen Grenze unterwegs. In einer Ortschaft tritt er auf einen Hof und steht im Mondschein plötzlich einem amerikanischen GI gegenüber. „Ich hätte ihm so die Hand geben können“, sagt Altmann und ist heute noch ganz verdattert ob der Szene. Lässt er lieber, gibt stattdessen Fersengeld. Auch, weil sein neuer Karabiner den Dienst versagt. „Es machte nur ‘klack’ als ich abdrückte — und dann bin ich zurück zu meinen Leuten gelaufen.“

Heil kommt er dort nicht an, denn der Widersacher hat ihm eine Handgranate hinterhergeworfen. „Die hat mir mein Schienbein zerfetzt. Ich wurde von Kameraden zunächst mal in eine stockfinstere Scheune getragen — und dann ging draußen das Geballere los“, erzählt Altmann, als wenn es gestern geschehen wäre. Im nahen und von den Deutschen besetzten Nijmegen wird er operiert und trägt bis Kriegsende einen Gips. Nochmal glimpflich davongekommen.

Zurück am Wohnort in Neuruppin halten ihn vorrückende Kosaken der russischen Armee für ein Mitglied der SS und wollen ihn erschießen. „Nachbarn, die Russisch sprachen, haben das verhindert.“ Wieder mal Schwein gehabt. Bis 1961 lebte Altmann mit seiner Gattin Martha und drei Kindern in der DDR, ehe sie am 16. Juli in Berlin einen glücklichen Moment zur Flucht in den Westen nutzten. Einer der ersten Anlaufpunkte im Westen war Bochum, wo Altmanns Schwägerin lebte. „Da war alles grau“, sagt Altmann. „Auf der Fahrt zurück hat im Zug jemand gesagt: ‘Ziehen Sie doch nach Wuppertal, das liegt so schön im Grünen.’“ Eine Entscheidung, die die Altmanns nie bereut haben.

Nach dem Tod seiner Frau 1999 stellte sich irgendwann das liebgewonnene Ritual des sonntäglichen Turmbesteigens ein. Einerseits aus Verbundenheit zu seiner Wahlheimat und dem Barmer Verschönerungsverein, in dem er seit vielen Jahren Mitglied ist. Aber auch, weil der mehrfache Opa und Urgroßvater kein Couchhocker ist. „Im Sommer habe ich keine Ruhe, dann muss ich raus und etwas unternehmen. Ich habe noch Spaß am Leben. Ich will 100 werden — und das schaffe ich auch. Denn alles, was ich mir im Leben vorgenommen habe, habe ich geschafft.“ Manchmal auch mit ein bisschen Glück.

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