Der Rekrut Anil Karakoc ist einer der letzten seiner Art

Der Rekrut Anil Karakoc ist einer der letzten seiner Art

Die Wehrpflicht läuft demnächst aus — der Wuppertaler Anil Karakoc (19) musste trotzdem noch hin.

Wuppertal. AnilKarakoc ist müde. Seine Nächte sind kurz. Die Tage hingegen lang, kalt und irgendwie fremd. Seit Montag vor einer Woche ist sein Leben grün-braun. Wann er genug geschlafen hat, entscheiden jetzt andere für ihn. Sechs Monate lang.

Der 19-jährige Wuppertaler zählt zu den gut 12.000 jungen Männern, die am 3. Januar ihren Wehrdienst angetreten haben. Sie sind die vorerst letzten Wehrpflichtigen in Deutschland. Glück oder Pech, das mag Anil Karakoc nicht beurteilen. Es ist okay. Er macht es eben. „Ich finde nur unfair, dass nicht alle Wehr- oder Zivildienst leisten müssen, auch Frauen“, sagt er.

Im Spätsommer des vergangenen Jahres kam der Einberufungsbescheid. Man kann sagen, ein historischer in der Geschichte der Bundeswehr. Bewusst wird es dem jungen Mann, der nun Pionier Karakoc genannt wird, so richtig am ersten Tag in der Mindener Herzog-von-Braunschweig-Kaserne. Neben seinen Vorgesetzten sind auch viele Journalisten da, die die rund 40 jungen Rekruten im militärischen Leben empfangen.

Seine Bilanz nach einer Woche: „Ich habe mir das leichter vorgestellt.“ Am schlimmsten sei der ständige Schlafmangel. Selbst die schmalen Stockbetten erscheinen da wie eine weiches Paradies, das süße Erholung verspricht.

Zivildienst kam für Karakoc nicht in Frage. Auch seine Familie findet die Entscheidung für den Dienst an der Waffe gut. „Sie sagen, dass mir die Erfahrung weiterhilft im Leben.“ Wenn er und seine drei Kameraden auf der Stube morgens um 5 Uhr geweckt werden, haben sie 15 Minuten, um sich zu waschen, zu rasieren und die Betten zu machen. „Da muss alles perfekt sein“, sagt Karakoc. An diese gnadenlose Konsequenz müssen die jungen Rekruten sich gewöhnen. Sie tun es auch. Schnell. „Wenn zu Hause noch ein Shirt herumliegt, dann räumt die Mutter das eben weg, hier geht das nicht.“

. . .und über den Druck, alles von Anfang an richtig zu machen.

Besonders positiv empfindet Karakoc die Kameradschaft. Die jungen Leidensgenossen helfen einander und machen sich in der wenigen verbleibenden Freizeit — genannt Dienstunterbrechung — bis zum Zapfenstreich um 23 Uhr wieder Mut. „Warum habe ich mir das eigentlich freiwillig angetan“, ist die häufigste Frage, die der 19-Jährige und seine Kameraden sich nach einem 15-Stunden-Tag stellen.

Aber sie machen weiter, raufen sich zusammen. Befehle akzeptieren lernen, Dienstgrade und die Bestandteile einer Waffe auswendig lernen. Das ist ihr neuer Alltag.

Wenn Anil Karakoc mit seinem Wehrdienst fertig ist, will er Medizin studieren — vielleicht sogar als Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Im Moment hat er kaum Zeit, sich damit zu beschäftigen. Denn er ist vor allem eines: müde.

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