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Der Problemlöser der Stadthalle

Der Problemlöser der Stadthalle

Manfred Müller ist Hausmeister in Wuppertals guter Stube. Zwischen Klassikkonzerten, Rockabenden und Fachmessen ist kein Tag wie der andere.

In der Historischen Stadthalle sitzen an einem Tag Gäste in Abendgarderobe und genießen ein Sinfoniekonzert, während nur 24 Stunden später eine Rockband meterhohe Flammensäulen in die Luft feuert. Am dritten Tag tut das Haus mit der gespaltenen Persönlichkeit vielleicht wieder ganz seriös und lädt zu einer Technikmesse ein. Damit all diese Verwandlungen reibungslos funktionieren, braucht es einen Problemlöser. Einen wie Hausmeister Manfred Müller.

„Hier ist jeder Tag wirklich anders“, sagt der 52-Jährige, der mit seinem Team 560 Veranstaltungen im Jahr über die Bühne bringt. Und das mache richtig Spaß, lässt Müller wissen, der sich den Hausmeisterposten in der Stadthalle eigentlich ganz anders vorgestellt hat. „Ich dachte, ich mache nur ein bisschen sauber“, gesteht der Wuppertaler. Doch für den Besen hat er kaum noch Zeit. Stattdessen muss er sich manchmal Gedanken machen, wie man mehrere Vorführwagen in die Stadthalle fahren kann oder die Frage klären, wie sich eine überdimensionale Stahlkugel im Gebäude befestigen lässt, ohne dass der empfindliche Parkettboden zu Schaden kommt. Randnotiz: An den Innenwänden der Stahlkugel sollten fünf Motorradfahrer ihre Runden ziehen.

Inzwischen weiß Müller: Eigentlich gibt es immer einen Weg. Selbst als 40 Minuten vor Konzertbeginn das System für die Platzbelegung ausgefallen ist, musste die Veranstaltung nicht ausfallen. Ebenso wenig als plötzlich wegen eines Lecks kurz vor Einlass Öl aus der Decke tropfte. „In solchen Fällen zählt nur Teamwork“, sagt Müller, der einer von zweieinhalb Hausmeisterstellen in Wuppertals guter Stube ausfüllt.

Wenn alles gut läuft, ist Manfred Müller der unsichtbare Strippenzieher im Hintergrund und sitzt nach Start einer Veranstaltung in seinem Logenplatz im Regieraum. „Der Sound hier oben ist super. Da kann man auch mal einfach zehn Minuten zuhören.“

Im schlimmsten Fall ist der 52-Jährige, der in der Regel zusammen mit einem Techniker Dienst hat, jedoch plötzlich live gefragt. Noch heute erinnert sich Müller an den unangenehmsten Zwischenfall in seinen sechs Jahren als guter Geist der Stadthalle.

Es passierte bei einem Klassikkonzert. 90 Musiker auf der Bühne, 1400 Gäste im Saal. Dann, wie Müller sagt, „der Super-Gau“. Eigentlich sollte ein Piano über einen Bühnenaufzug im Boden versinken. Stattdessen versank der Hausmeister selbst im Boden — denn die Technik streikte. „Plötzlich schauen einen 1400 Leute an, während man das Problem lösen muss“, erinnert sich Müller an seinen Schweißausbruch. Doch nach einer kurzen Zwangspause fand auch dieser Abend regulär zum Abschluss. „Zum Glück kenne ich mich inzwischen bestens im Haus aus“, sagt der Technik-Profi, der im Notfall flink wie ein Wiesel durch die Gänge huschen muss.

Die Historische Stadthalle ist nämlich auch in Sachen Verkabelung ziemlich historisch. „Jeder Ingenieur würde heute dafür entlassen werden“, kommentiert Müller die komplexe Leitungsstruktur des Hauses mit seinen fünf Sicherungskästen auf drei Etagen. Zu allem Überfluss ist das Haus ein Labyrinth auf mehreren Ebenen mit Keller, Tiefkeller, Zwischengeschossen und Zwischendecke — kurzum: mit viel Potenzial für Verwirrung. Externe Handwerker gehen regelmäßig in den endlosen Winkeln des Hauses verloren. Oft muss Müller Besucher abholen und von A nach B führen.

Der „Caretaker“ ist auch für Sicherheit und Ordnung während der Veranstaltungen zuständig. Am liebsten sei ihm da das Publikum bei Rockveranstaltungen. „Denen sagst du: ,Ey, lass das!‘ Und dann ist gut.“ Schwieriger können die Gäste an feineren Abenden sein. Da werde viel öfter diskutiert. Einmal musste er von einem Gast hören, der sein Auto vor der Tür im Parkverbot abgestellt hatte: „Mich schleppt hier niemand ab.“ Manfred Müller versucht, auch in solchen Situationen höflich zu bleiben. Aber abgeschleppt wird trotzdem. Die langjährige Haustechnikerin Marisa Heck (34) hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Manche Leute glauben, dass sie mit ihrer Eintrittskarte direkt das Haus und alle Mitarbeiter gekauft haben.“

Seit sich die Trinkerszene auf den Johannisberg verlagert hat, muss Müller ein zusätzliches Auge auf die Eingangstüren haben. Neulich wurde eine Kaffeemaschine gestohlen.

Unangetastet blieb dagegen die Tasche eines Veranstalters, die dieser einmal achtlos im Vorraum der Halle vergessen hatte. Vielleicht die kurioseste Geschichte des Hauses. Eine Woche lang, so berichtet Müller, gingen hunderte Menschen an der Tasche im Foyer vorbei, bis schließlich ein Mitarbeiter auf sie aufmerksam wurde und den Reißverschluss öffnete. „Da lagen dann frei zugänglich 16 000 Euro im Foyer“, berichtet Müller. Schon wieder so ein Tag wie kein anderer.