Der Pflegemarkt in Wuppertal ist leergeräumt

Soziales : „Der Pflegemarkt in Wuppertal ist leergeräumt“

Jeder zweite ambulante Pflegedienst kann seine Stellen nicht besetzen. Auch in Wuppertal ist die Lage ernst.

Eine bundesweite Befragung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) zeigt einen bedenklichen Trend an: rund jeder zweite Pflegedienst in Deutschland kann ausgeschriebene Stellen nicht besetzen, weil Fachkräfte fehlen. Das ist auch in Wuppertal nicht anders, wie die WZ von Alexander Scheyer erfuhr. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe ambulante Pflegedienste in Wuppertal und leitet selbst ein entsprechendes Unternehmen mit 18 Mitarbeitern, die sich um insgesamt 110 Patienten kümmern. Scheyer sagt: „Der Pflegemarkt ist leergeräumt. Da braucht man gar nicht erst Stellen inserieren.“ Sein Pflegedienst könne ohne Probleme drei bis fünf neue Mitarbeiter einstellen, um den Bedarf an ambulanter Pflege abzudecken. Der ist nämlich in Wuppertal größer als das Angebot. „Wir lehnen jede Woche fünf bis zehn Menschen ab, die bei uns anfragen“, sagt Scheyer. Das sei bei anderen Mitgliedern der Arbeitsgruppe nicht anders.

Ungenügende Kommunikation und fehlendes Wissen

Bedenklich findet eine solche Entwicklung das ZQP. Vorstandsvorsitzender Ralf Suhr warnt: „Personalmangel in der gesundheitlichen Versorgung und nicht zuletzt in der Pflege ist ein Risiko für die Patientensicherheit.“ Ungenügende Kommunikation, fehlendes Wissen, Unachtsamkeit und Zeitdruck sowie unklare Prozesse erhöhten gesundheitliche Risiken, etwa für Stürze, Infektionen und Medikationsschäden. Vor diesem Hintergrund sieht Ralf Suhr es als besonders dringlich an, das Berufsfeld Pflege attraktiver zu machen.

Bei Alexander Scheyer hat das Entgegenkommen auf neue Fachkräfte obskure Formen angenommen. Er sagt: „Wir haben einer jungen Frau den Führerschein bezahlt, damit sie bei uns anfangen kann.“ Die bittere Pointe der Geschichte: „Nach vier Tagen war sie wieder weg.“ Und damit auch die „Investition“ in die neue Fachkraft.

Wie die Agentur für Arbeit auf Anfrage der WZ informiert, gibt es in Wuppertal derzeit 254 offene Stellen in der Pflege. Sprecherin Regina Wallau kennt die Gründe, warum junge Anwärter vor dem Beruf zurückschrecken. „In der Öffentlichkeit stehen gerade die negativen Aspekte im Fokus. Dabei sagen auch viele Pfleger, dass man von den Menschen für die man arbeitet, viel zurückbekommt.“ Zudem hätten viele veraltete Vorstellungen von dem Berufsbild, etwa von der körperlichen Arbeit. „Da gibt es mittlerweile auch Hilfsmittel technischer Art.“

Kritik an der Bezahlung
von jungen Leuten

Nicht selten werde auch die geringe Bezahlung von jungen Leuten kritisiert. Dazu sagt Wallau: „Das stimmt vielleicht in Relation zu der Verantwortung, die man trägt.“ Doch im Vergleich mit anderen beliebteren Ausbildungsberufen verdiene man in der Pflege mehr.

Im aktuellen Pflegebedarfsplan der Stadt lässt sich nachlesen, dass es aktuell (Stand Dezember 2018) 76 ambulante Pflegedienste in Wuppertal gibt. Gegenüber dem Vorjahr hat sich diese Zahl um ein Unternehmen reduziert - gleichzeitig hat sich die Zahl der ambulant versorgten Pflegebedürftigen um mindestens 15 Prozent erhöht. Insgesamt stieg die Zahl aller Leistungsempfänger in der Pflege in Wuppertal seit 2001 um 45 Prozent an. Es gibt mittlerweile mehr als 11 000 Pflegebedürftige.

Nahezu drei von vier Menschen werden zu Hause gepflegt. Scheyer sagt: „Das ist bei vielen der große Wunsch: Möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu bleiben.“ Doch durch die Fachkräfte-Krise in der Pflege wird das zukünftig für einige Menschen ein Wunsch bleiben. Ralf Suhr stellt fest: „Mangelnde ambulante Pflegekapazitäten können zu einer Überforderung pflegender Angehöriger oder zu einem Heimeintritt führen, der bei angemessener ambulanter Versorgung nicht nötig geworden wäre.“ »S. 14

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