1. NRW
  2. Wuppertal

Der kluge Hans: Ein „rechnendes“ Pferd in Wuppertal-Elberfeld

Aufsehen in Presse und Wissenschaft : Der kluge Hans: Ein „rechnendes“ Pferd in Wuppertal-Elberfeld

Das Pferd „der kluge Hans“ hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts weltweit Aufsehen erregt – es sah aus, als könne er rechnen. Das wurde auch in Wuppertal-Elberfeld getestet.

Die Geschichte eines Pferdes mit dem Namen Hans ist auch gut ein Jahrhundert nach den eigentlichen Ereignissen sowohl für Wissenschaftler als auch für Tierfreunde noch immer spannend und amüsant. Sie beginnt in Berlin und endet in Elberfeld. Die Ethikerin Heike Baranzke kennt seine Historie und die vielen Irrungen und Wirrungen, die sich bis heute im kulturellen Gedächtnis der Menschen bewahrt haben.

„Der ‚Kluge Hans’ war ein Hengst in Berlin, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts weltweit Aufsehen erregt hat. Er gehörte dem pensionierten Volksschullehrer Wilhelm von Osten. Hans war ein russischer Orlow-Traber mit einer ganz bestimmten Schädelform“, berichtet Baranzke. An der Form des Schädels sollte die Intelligenzfähigkeit ablesbar sein. Von Osten fing an, Hans systematisch im Lesen, Schreiben und Rechnen zu unterrichten. Die verblüffenden Erfolge, die er in seinem Hinterhof erzielte, zeigte er erst seinen Nachbarn. Dann rührte er die Pressetrommel, weil er seine Ergebnisse wissenschaftlich untersuchen lassen wollte. „Aufgrund des anhaltenden Presseechos nötigte das Kultusministerium den Leiter des Psychologischen Instituts Carl Stumpf, sich die Leistungen des Pferdes genauer anzusehen“, sagt Baranzke. „Wilhelm von Osten buhlte regelrecht um die wissenschaftliche Anerkennung seines Unterrichtserfolgs durch diesen berühmten Psychologen.“

„Der Kluge Hans“, wie das Pferd von da an genannt wurde, beantwortete die ihm gestellten Aufgaben mit dem Klopfen eines Hufes oder durch Nicken oder Schütteln des Kopfes. So konnte er mathematische Aufgaben lösen, buchstabieren und Gegenstände oder Personen abzählen. Eine wissenschaftliche Sensation nahm ihren Lauf, über die sogar die New York Times berichtete. Aber die Wissenschaft verhielt sich zunächst sehr zögerlich. Doch das wachsende öffentliche Interesse an dem klugen Tier – auch seitens des deutschen Kaisers – erzwang eine wissenschaftliche Stellungnahme.

„Carl Stumpf war in Zugzwang“, erklärt Baranzke, und schon die Bildung einer Untersuchungskommission gestaltete sich schwierig. „Er hat sich mit allen möglichen Kapazitäten aus verschiedenen biologischen Disziplinen sowie anerkannten nichtwissenschaftlichen Pferdekennern aus Militär und Zirkuswelt umgeben.“ Sie sollten klären, ob von Osten ein Betrüger war oder nicht. „Es konnten jedoch keine Tricks ausgemacht werden, und es wurde eine zweite Kommission eingerichtet. Diese bestand aus drei Beteiligten des Instituts und Stumpf delegierte die Erstellung des Gutachtens an seinen damaligen Schülerassistenten Oskar Pfungst sowie einen weiteren Kollegen. Das Gutachten belegt, dass kein Betrug vorgelegen habe und ist bis heute in der kognitiven Psychologie von Bedeutung. Was Pfungst auch zeigte, war, dass keine willentliche Dressur vorlag, also, dass Wilhelm von Osten seinen Hengst nicht in der Überzeugung, dass er ihn dressieren würde, abgerichtet hat. Von Osten war der Überzeugung, er habe seinen Hengst tatsächlich wie einen Schuljungen unterrichtet.“

Für die Wissenschaft schien die Angelegenheit erledigt, von Osten zog sich tief frustriert zurück, aber dem Elberfelder Juwelier Karl Krall, der die Entwicklung der Geschichte interessiert verfolgt hatte, ließ der Fall Hans keine Ruhe. Er begab sich nach Berlin, um den Traber in Augenschein zu nehmen. „Krall war Hobbyphysiker, vor allem in optischen Bereichen“, so Baranzke. In Berlin reiht er sich nun in eine Gruppe darwinistisch gesinnter Biologen ein, für die die Mensch-Tier-Ähnlichkeitsdebatte noch lange nicht beendet war. „Als Wilhelm von Osten verbittert starb, hatte er Hans Karl Krall vermacht, und dieser überführte den Hengst nach Elberfeld.“

Dort richtete er im Stall des Geheimen Kommerzienrates von der Heydt an der Straße Am Mäuerchen in Elberfeld ein tierpsychologisches Labor ein. Er machte systematische Versuche, nicht nur mit Hans, sondern auch noch mit elf anderen Pferden, zwei Eseln, einem Pony und einem Elefanten. Intellektuelle aus den unterschiedlichsten Disziplinen und Künsten gaben sich schließlich in Elberfeld die Klinke in die Hand: Zoologen, Psychologen, Psychia­ter und sogar den Literaturnobelpreisträger Maurice Maeterlinck hat der Kluge Hans nach Elberfeld gelockt. Dieser veröffentlichte daraufhin einen Bericht mit dem Titel „Die Pferde von Elberfeld“. Letztendlich gab Krall seine Untersuchungen auf, zog nach München und beschäftigte sich fortan mit Okkultismus.

Immerhin: Kralls Nachlass ist heute im Psychologiegeschichtlichen Forschungsarchiv der Fernuni Hagen untergebracht. „Seine Untersuchungen für die Wissenschaft haben vor allen Dingen gezeigt, dass es eine unwillkürliche Beeinflussung von Wesen durch den Menschen gibt, und dass die ganze Körpersprache auch mit höheren Tieren funktioniert.“

Das habe in der wissenschaftlichen Tierverhaltensforschung zu der Trennung von Versuchs­tier und Versuchsleiter geführt, um solche unwillentlichen Kluge-Hans-Effekte auszuschließen. „Übertragen auf diese unwillkürlichen Signale“, so Baranzke, „heißt dass, dass ein Zucken signalisiert: Jetzt musst du aufhören, mit dem Huf zu klopfen. Dies führte zu der Trennung von Versuchsleiter und Versuchstier, damit der Versuchsleiter während des Experiments nicht, wenn er das Ergebnis wusste, durch Signale das Versuchstier in seinem Verhalten beeinflusst.“

Die Leistungen des Pferdes seien dennoch bemerkenswert: „Hans konnte mit Sicherheit nicht rechnen und sprechen, aber es ist unglaublich, wie fein die Interpretationsleistungen von Tieren in Bezug auf das menschliche Verhalten sind.“

Die Spur des „Klugen Hans“ verliert sich im Ersten Weltkrieg, der noch durch die Beteiligung von Pferden bestritten wurde. Baranzke: „Nicht wenige Pferde sind da zu Tode gekommen. Man vermutet, dass auch der Kluge Hans seinen Weg dahin genommen hat.“