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Der Geruch der Sägespäne verfliegt

Der Geruch der Sägespäne verfliegt

Kurz vor dem Umbau des Carnaper Platzes erinnert sich Hans-Hermann Lücke an die große Zeit des Zirkus.

Rott. Anfang der 70er Jahre wohnte Hans-Hermann Lückes bester Freund direkt am Carnaper Platz. Wenn dort die Zelte der Wanderzirkusse aufgebaut wurden, schauten die Jungen so lange aus dem Fenster, bis ihnen die Mutter des Freundes Kissen reichte, damit die Ellenbogen nicht wund wurden. „Mich faszinierte total, wie da eine komplette Zirkus-Stadt vor unseren Augen entstand“, sagt Lücke, heute Bezirksbürgermeister von Barmen. Von da an besuchte er jeden Zirkus, der sein Zelt auf dem Carnaper Platz aufbaute — und zwischen den Vorstellungen sprach er die reisenden Schausteller an. Bis er irgendwann zum erweiterten Kreis der Zirkusleute gehörte und Zirkuschefs und Dompteure in sein Wohnzimmer einlud.

Foto: Andreas Fischer

Besonders fasziniert war Lücke vom Circus Barum, der schon in den 70er Jahren Wuppertal ansteuerte. „Dafür gibt es zwei Gründe“, sagt Lücke. „Einmal war der Zirkus sehr tierorientiert — die hatten unter anderem eine Herde mit 16 Zebras — und außerdem spielte dort immer ein Live-Orchester“, berichtet Lücke. Durch andere Zelte schallte oftmals Musik aus der Konserve. Da rümpft der CDU-Politiker die Nase: „Das Orchester darf auch schief spielen — aber Hauptsache live.“

Foto: Fischer

Immer wieder machten Zirkusse in Wuppertal Schlagzeilen. Lücke hat sie alle gesammelt. Am 28. November 1984 trieb der Circus Althoff Europas größte Elefantenherde vom Bahnhof Unterbarmen — dort kamen damals viele Zirkustiere auf Schienen in der Stadt an — bis zum Carnaper Platz.

Einen Tag später besuchte der Zirkus mit seinem Königstiger „King“ die WZ-Redaktion und testete die Nerven der Journalisten. Der Circus Althoff war es auch, der 1986 nach Tuffi erneut eine Elefanten-Dame mit der Schwebebahn fahren lassen wollte. Die WSW untersagten die Fahrerlaubnis — zum Ersatz schwebten zwei junge Bengaltiger über der Stadt.

Als die weißen Tiger des Circus Barum plötzlich unter entzündeten Zitzen litten, musste Hans-Hermann Lücke höchstpersönlich einen Ausfall der beliebten Tigernummer verhindern. „Der Tierarzt des Zirkus’ war drei Tage nicht zu erreichen und man fragte mich, ob ich nicht in Wuppertal das entsprechende Medikament besorgen könnte“, berichtet der Bezirksbürgermeister. Nachdem er bei einer Tierarztpraxis mit dieser ungewöhnlichen Anfrage und ohne Rezept beinahe rausgeflogen wäre, fand er schließlich einen Barmer Apotheker, der ihm Humanmedizin mit dem identischen Wirkstoff mitgab. „Die Vorführung fand statt — mit der Familie des Apothekers und mir als Ehrengast“, sagt Lücke. Eine weitere kuriose Geschichte: Mit einer Bekannten vom Zoo besuchte Lücke Anfang der 80er Jahre eine Tagung der Nilpferd-Freunde in der VHS. Die Liste der Redner wies eine ungewöhnlich hohe Prominenzdichte auf. Die Gäste hießen unter anderem Innenminister Hans-Dietrich Genscher, Grünen-Mitbegründer Otto Schilly und die spätere Präsidentin des Deutschen Bundestages Rita Süssmuth. „Meine Bekannte war aber die einzige bei den Nilpferd-Freunden, die wirklich ein Nilpferd besaß.“

Heute ist der Zauber der Zirkuswelt verblasst. Der Circus Barum baute 2008 vor den Augen von Hans-Hermann Lücke in Northeim (Niedersachsen) das letzte Mal die Zelte ab. Nur noch selten machen klassische Zirkusse ohne Mitmach-Angebot — Beispiel ist der Zirkus Casselly — auf dem Carnaper Platz halt. Zuletzt noch der Zirkus Flic-Flac.

„Das bedauere ich“, sagt Lücke. „Aber es gibt mittlerweile ein Überangebot an Abwechslung und Unterhaltung.“ Ein Handstand könne keinen Zuschauer mehr beeindrucken, und der Tiger sei keine unbekannte Bestie mehr. Gleichzeitig steht das Dressieren von Tieren stark in der Kritik. Viele Zirkusfamilien gaben auf oder orientierten sich neu.

Trotzdem leuchten noch heute Lückes Augen, wenn er an die Manege, die Lichter und den Geruch von Sägespänen denkt. Sein Traum: „Ich hoffe, dass nach dem Umbau des Carnaper Platzes einmal der Circus Roncalli nach Wuppertal kommt.“