„Der Geizige“ kommandiert auf der Wuppertaler Theaterbühne

Schauspiel : „Der Geizige“ kommandiert auf der Theaterbühne

Das Ensemble sprüht bei der ersten Premiere der neuen Spielzeit vor Spielfreude.

Der notorische Sparfuchs als Chef eines Tourneetheaters – so stellt Regisseur Alexander Marusch Molières „Geizigen“ auf die Opernhaus-Bühne. Schon im Text der Komödie treibt Harpagons Knauserigkeit bizarre Blüten. So verdoppelt er die Fastentage im Kalender, um am Essen zu sparen. Gegen die Katze seines Nachbarn führt er einen Prozess, weil sie ihm Fleischreste weggefressen hat.

Gleich zum Einstieg zeigt das Wuppertaler Schauspielensemble, wie sehr das Sparen in der Theaterwelt zum Improvisieren zwingt. Ob Tochter, Sohn oder Personal – bei Harpagnon ist Mitmachen Pflicht. Alle müssen jede Rolle spielen. Also gibt es Kostümwechsel im Minutentakt, und gemeinsam müssen sich die Schauspieler in eine lächerlich kleine Guckkastenbühne zwängen.

Das rasante Spiel im Spiel überraschte wohl so manchen Gast der ersten Spielzeitpremiere. Die Reaktionen blieben zunächst verhalten. Doch nach wenigen Szenen brach das Eis. Was zum Großteil an Hauptdarsteller Stefan Walz lag. Der Hüne war unwiderstehlich komisch, wenn er in Dirndl und Mädchenzöpfen seine Diener herumkommandierte. Oder in Ballett-Trikot und Tutu an seiner Theatertruppe vorbeiparadierte wie ein General an seinen Soldaten.

Dabei geht es Harpagon gar nicht um die Macht an sich. „Nichts auf der Welt ist so wertvoll wie Geld“, verkündet er. Hunderttausend hat er in einer Kassette versteckt. (Ausstatter Gregor Sturm macht aus ihr eine unübersehbar große Suppendose – genau die, die Pop Art-Künstler Andy Warhol reich und berühmt machte.)

Mit seinen erwachsenen Kindern kalkuliert er nicht minder. Gewinnbringend will er Cléante und Élise verheiraten. Er selbst hält um die Hand der jungen Mariane an, auf deren Mitgift er es abgesehen hat. Blöd nur, dass der Nachwuchs gegen die Heiratspläne rebelliert.

Die Schauspieler zeigen
allesamt ihre große Klasse

Buchstäblich mit Händen und Füßen wehrt sich der gelenkige Martin Petschan. Mit seinen wortspielerischen Repliken hält er den Familientyrannen in Schach. Petschans Klasse zeigt sich auch darin, dass er noch im albernsten Kostüm (Karnevalsprinz!) seiner Figur den nötigen Ernst verleiht. Ihre akrobatischen Fähigkeiten stellt auch Julia Meier unter Beweis. Lupenreinen Slapstick produziert sie, wenn sie auf der Hinterwand herumturnt und im Herunterfallen einen Teil der Kulissen demoliert.

Alexander Peilers Rollenspiel ist Beleg dafür, dass die von Marusch durchexerzierte Theatermetapher bereits im Originaltext angelegt ist. Mal tritt er als Lover und Verbündeter von Élise auf, dann wieder als Haushofmeister, der seinem Herrn Harpagnon virtuos nach dem Munde redet. Der eigentliche Kontrahent des Geizhalses aber wird von Thomas Braus gespielt. Den Diener La Flèche gibt er so bauernschlau, wie sonst nur Walz agiert. Und noch ein gutes Stück intriganter.

Als eine glückliche Kombination von Managerin und rheinischer Frohnatur legt Philippine Pachl die Frosine an. Mit überbordenden Kostümen und Perücken herausgeputzt, agiert sie erst für und dann umso erfolgreicher gegen die Interessen von Harpagnon. Neben Pachl und Meier spielt Luise Kinner, die als Mariane erst spät auf der Bildfläche erscheint, nur die zweite Geige.

Das spielfreudige Ensemble bekam kräftigen Applaus und Stefan Walz oben drein noch Bravo-Rufe. Wahrscheinlich auch wegen seines viel belachten Monologs, in dem er jeden – das Publikum eingeschlossen – für den Diebstahl seiner Geldkassette verantwortlich machte. Da waren Verschwörungstheorien und Paranoia nicht mehr weit. Der Materialismus deformiert die Persönlichkeit – und sicher nicht nur auf der Bühne.