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Der Deutsche Herbst hat noch immer viele Gesichter

Der Deutsche Herbst hat noch immer viele Gesichter

Michael Zeller hat im Literaturhaus aus seinem Roman „Follens Erbe“ zum RAF-Terror in den 70er Jahren gelesen.

Mögen die Ereignisse des Deutschen Herbstes vielleicht schon mit einer erheblichen Staubschicht bedeckt sein — für jüngere Generationen sind sie eines von vielen Kapiteln deutscher Geschichte — so genügt dennoch ein leichtes Pusten an rechter Stelle, um Erinnerungen auflodern zu lassen. Dies gelang dem Literaturhaus Wuppertal in einer Lesung mit Michael Zeller unter dem Titel „Der Deutsche Herbst 1977: 40 Jahre danach“, auf überaus überzeugende Weise. Was auch in der anschließenden Diskussion unter Mitwirkung von Matias Martinez, Professor der Germanistik an der Bergischen Universität, spürbar war.

Schnell werden bei vielen Menschen, insbesondere bei denjenigen, die diese Zeit bewusst durchlebt haben, jene Bilder wieder mehr als präsent, die Emotionen ausgelöst haben und bis heute nachwirken. So gespalten die Gesellschaft 1977 in Teilen war, so unterschiedlich gefärbt sind die Erinnerungen an den Schrecken des RAF-Terrors und den Umgang des Staates mit der hoch explosiven Situation.

Noch heute; wie an dem Abend im Laufe einer ausgiebigen Fragerunde deutlich wurde. Man bedenke — 40 Jahre ist es her, dass die zweite und dritte Generation der Roten Armee Fraktion das Land mit ihren Morden im Atem hielt. Der Wuppertaler Autor Zeller hat bereits 1986 die gärende Stimmung jenes Jahres, die insbesondere ihre Spuren auch im Umfeld der intellektuellen Sphäre der Universitäten hinterlassen hatte, in seinem Roman „Follens Erbe - Eine deutsche Geschichte“ thematisiert.

Neben einer spitzfedrigen Studie über ein provinzielles Wissenschaftsmilieu, sind dort auch plastisch die inneren wie äußeren Zerreißproben nur mittelbar involvierter Menschen in eine vielschichtige Geschichte gefasst. In der Geschichte um den wissenschaftlichen Assistenten Hellmut Buchwald liegt auch so manche autobiografische Deutung verborgen, was mehr und mehr offenbar wurde. War Zeller ja selbst Hochschuldozent in jenen Jahren, wandte er sich auch bewusst vom ihm vergällten Staatsdienst ab, um freier Autor zu werden. Offenkundig wurde indes: Der Deutsche Herbst hat immer noch viele Gesichter — die anders aussehen, je nachdem, wen man fragt.