Interview: Depression: Wenn die Kraft zum Handeln fehlt

Interview: Depression: Wenn die Kraft zum Handeln fehlt

Der Psychiater Dr. Ewald Proll über die Krankheit Depression und ihre Behandlung.

Wuppertal. Der Psychiater Dr. Ewald Proll (56) hat kürzlich den Wuppertaler verliehen bekommen, unter anderem für die Gründung des Bündnisses gegen Depression vor zehn Jahren.

Herr Proll, was ist das für ein Bündnis?

Ewald Proll: Es gibt diese Bündnisse bundesweit mit dem Ziel, eine bessere Versorgung für Erkrankte zu erreichen. Dafür kooperieren wir mit Hausärzten, schulen Multiplikatoren, klären die Öffentlichkeit, Betroffene und Angehörige auf.

Wer macht dabei mit?

Proll: Alle Institutionen der Stadt, die sich mit dem Thema befassen. Darüber hinaus sind in Wuppertal auch Betroffene und Angehörigen dabei.

Was haben Sie bisher getan?

Proll: Es gab Schulungen für Mitarbeiter des Jobcenters, für Schulen und für Hausärzte sowie Plakataktionen. Einmal im Jahr organisieren wir eine größere Veranstaltung, zuletzt hatten wir 250 Besucher.

Warum sind Depressionen so stigmatisiert?

Proll: Erkrankte haben ein Gefühl der Kraftlosigkeit und fühlen sich oft wertlos, was sich dann in der Wahrnehmung durch die Umgebung spiegelt. Wir wollen aufklären, dass Depression nicht Faulheit, sondern eine Krankheit ist. Erkrankte sind nicht kraftlos, sondern ihre Fähigkeit, Kräfte zu mobilisieren, ist vorübergehend erloschen.

Im Alltag spricht man oft davon, deprimiert zu sein. Ab wann ist das eine Krankheit?

Proll: Kurzfristige Stimmungsschwankungen kann jeder haben. Von einer Depression spricht man, wenn die Stimmungslage länger als sechs Wochen anhält, wenn sich derjenige kraftlos fühlt, permanent grübelt, sich zurückzieht, Schlafstörungen hat, ein Gefühl der Gefühllosigkeit empfindet und vielleicht darüber nachdenkt, sein Leben zu beenden.

Was sind die Ursachen?

Proll: Neben einer gewissen Veranlagung führt häufig eine dauerhafte Belastung dazu. Zum Beispiel, wenn Menschen im Beruf überfordert werden, wenn sie permanent über ihre Leistungsgrenze gehen.

Ist das dann der häufig thematisierte „Burn out“?

Proll: „Burn out“ bezeichnet keine Krankheit, sondern beschreibt nur den Erschöpfungszustand. Erst wenn weitere Symptome wie eben beschrieben dazu kommen, hat es Krankheitswert.

Können auch Ereignisse eine Depression auslösen?

Proll: Verluste, zum Beispiel der Arbeitsstelle oder einer Beziehung können eine Depression anstoßen. Typischerweise hat es in der Lebensgeschichte bereits Verluste gegeben, ein weiterer kann dann die Depression auslösen. Oder wenn sich Menschen über längere Zeit als hilflos erleben, haben sie irgendwann keine Kraft mehr, dagegen anzugehen.

Sind Menschen in Herbst und Winter depressiver?

Proll: Rein statistisch gibt es im Herbst und Frühjahr, den Jahreszeiten des Wechsels, etwas mehr Depressionen als im Sommer und Winter, weil sich auch der Körper umstellt. Grundsätzlich treten Depressionen aber unabhängig von Wetter und Klima auf.

Was sollte man bei einer Depression tun?

Proll: Der Hausarzt sollte prüfen, ob es körperliche Ursachen wie eine Schilddrüsenfunktionsstörung oder Diabetes gibt. Bei mittelschweren oder schweren Depressionen überweist er an einen Facharzt. Der kann unter anderem Medikamente verschreiben. Die haben anfangs Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Nervosität, aber nach einigen Wochen hellt sich die Stimmung auf, der Antrieb kommt zurück.

Hilft eine Psychotherapie?

Proll: Sie ist oft eine notwendige Ergänzung. Es wird analysiert, was welche Gefühle auslöst, welche Einstellungen mich belasten und welche mir helfen. Zudem gibt es Angebote zur Konfliktbewältigung und Hilfe dabei, seine Leistungsfähigkeit zum Beispiel im Beruf wieder zu erlangen, die Genussfähigkeit zu fördern.

Wann soll man in die Klinik?

Proll: Auf jeden Fall bei Suizidgedanken. In der Klinik erhält man auch Medikamente und psychotherapeutische Angebote. Manchen tut es gut, aus der Alltagsbelastung herauszukommen. Es gibt auch Tageskliniken mit einem ähnlichen Angebot, die man aber abends verlässt.

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