Das Klavier am Wuppertaler Hauptbahnhof muss bleiben

Döppersberg : Das Klavier muss bleiben

Ja, es kann sicher nervig sein, den ganzen Tag Klavierklängen lauschen zu müssen. Vor allem, wenn derjenige, der in die Tasten haut, ungefähr so viel musikalisches Talent besitzt wie der Schreiber dieser Zeilen.

Die wirklichen Stümper dürften aber deutlich in der Minderheit sein, was regelmäßige Bahnhofsbesucher bestätigen werden. Trotzdem wäre es falsch, über die kritischen Stimmen aus den Geschäften in der Mall einfach hinweg zu sehen. Wer acht Stunden pro Tag an der Theke der Bäckerei, am Kiosk oder sonst wo in der Mall steht, hat keine Lärmbelästigung — und das ist das von Ohrenzeugen beschriebene sinnlose „In-die-Tasten-Kloppen“ auf jeden Fall — verdient. Aber deshalb das Klavier abbauen? Bitte, bitte nicht.

Denn die Aktion von „(M)eine Stunde für Wuppertal“, die hinter dem Klavier steht, ist eine tolle. Das beweisen die Reaktionen in den Sozialen Medien, die Trauben von Spontan-Konzertbesuchern, die sich um das Instrument bilden, wenn, was oft vorkommt, jemand dort sitzt, der es kann. Nur zur Klarstellung: Gerade Nicht-Profis sollen ja das Klavier nutzen, ein bisschen Erfahrung darf man aber schon voraussetzen.

Musik sorgt schließlich für eine entspannte Atmosphäre an einem Platz, wo sonst eher Hektik herrscht. Selbst Leute, die in Eile sind, bleiben stehen und lauschen. Ob kurz oder lang ist in diesem Fall egal. Allein dass das Instrument, dem der typische „Moppertaler“ eine Überlebenszeit von maximal ein paar Tagen prognostizierte, jetzt schon über Monate praktisch vandalismusbefreit für schöne Klänge sorgt, ist Grund genug, für den Verbleib zu kämpfen.

Manuel Praest. Foto: Anna Schwartz

Einen Alternativstandort für das Klavier innerhalb der Mall wird es nämlich kaum geben. Einfach verschieben geht nicht, denn dann würde man auch nur das Problem verschieben. Dazu kommen noch Themen wie Brandschutz und Rettungswege. Initiator Markus von Blomberg erwähnt nicht ohne Grund, dass es gute zwei Jahre dauerte, bis man sich auf einen Platz einigen konnte. Kommt die Bahn also zu dem Schluss, an den „Mikado-Stäben“ passt es nicht mehr, wäre die Konsequenz das Aus für das „Klavier für Jedermann“. Noch einmal: Bitte, bitte nicht.

Natürlich sagt die Bahn zum jetzigen Zeitpunkt, es gibt noch keine Entscheidung, man müsse abwarten, die Stadt, die sich – das am Rande – äußerst positiv über das Klavier äußert, noch ins Boot holen, usw. Aber allein, dass ein Sprecher offiziell bestätigt, dass es interne Überlegungen gibt, ist ein Alarmsignal.

Alle Beteiligten, vor allem eben die DB, müssen jetzt überlegen, wie man auch für die Arbeitenden im Bahnhof das Leben rund um das Klavier angenehmer machen kann. Eine Schalldämmung kann vielleicht schon helfen. Dazu vielleicht eine Mittagspause für allzu übermotivierte Lang Langs? Mehr Hinweise für einen respektvollen Umgang mit dem Instrument? Oder einfach soziale Kontrolle: Derjenige, der sich am und auf dem Klavier nur austoben will, muss in die Schranken gewiesen werden. Nicht nur die Mitarbeiter in den Geschäften werden es danken.

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