Das Gesicht der Stadt

Das Gesicht der Stadt

Architektur ist die Kunst, der Stadt ein Gesicht zu geben, hat Sparkassenvorstand Gunther Wölfges dieser Tage gesagt, als die Architekten in der Sparkasse an Kollegen und Bauherren Preise für gute Bauten verliehen.

Diesem Satz sollten alle, die ihn gehört haben, etwas Zeit geben, auf dem Trommelfell zu wirken. Gut möglich, dass er von dort den Weg ins Denkzentrum findet und Überzeugung schafft. Architektur ist die Kunst, der Stadt ein Gesicht zu geben. Ein schöner Satz.

Mancherorts in Wuppertal drängt sich die Frage auf, welchen bewusstseinsverändernden Drogen die jeweiligen Planer und Zeichner wohl zugesprochen haben müssen, ehe sie ihre Visionen Beton, Stein und Stahl werden ließen. Andererseits sind Wohnklötze wie Schmitteborn auch Ausdruck von purer Not und der Notwendigkeit vergangener Zeiten, auf wenig Fläche viel kostengünstigen Raum unterzubringen. Schöner werden solche Bauwerke aber auch mit einer vernünftigen Erklärung nicht.

Daher ist es beruhigend, dass sich der Bund Deutscher Architekten vor einigen Jahren auf die Fahne geschrieben hat, gute Projekte als solche herauszustellen und zu würdigen. Wenn dem Laien manches auch noch so spanisch vorkommen mag und er es partout nicht einsehen will, dass beispielsweise die an eine nordkoreanische Saunalandschaft erinnernden Wohnquader am Anfang der Katernberger Straße etwas besonders Schönes sein sollen, erreicht der BDA doch, dass die Öffentlichkeit sich mit Architektur befasst — mit der Kunst eben, der Stadt ein Gesicht zu geben.

Deshalb ist es umso bedauerlicher, dass die offizielle Stadt überhaupt nicht anwesend war. Kein Oberbürgermeister hat sich angeschaut, was Architekten für gute Architektur halten, kein Baudezernent konnte es einrichten, und von den vielen Mandatsträgern im Stadtrat hat es auch weniger als eine Hand- voll in die Sparkasse geschafft.

Dabei gab es wirklich sehr gute Beispiele hoher Baukunst zu bestaunen und wurden Projekte vorgestellt, die einen Weg weisen können, wie Wuppertals Gesicht sich verändern darf, weil es sich ja verändern muss. Architektur ist eben nicht beliebig, es kommt bei guten Bauten nicht darauf an, möglichst viel Geld aus möglichst wenig Boden zu quetschen. Es ist auch nicht allein entscheidend, was ein Investor oder Bauherr will.

Architektur ist die Kunst, der Stadt ein Gesicht zu geben. Das scheint sich heute im Rathaus noch nicht herumgesprochen zu haben. Sonst entstünden beispielsweise im Briller Viertel keine Häuser, die zum Teil bedrückend an Stangenware erinnern oder so wirken, als hätte ein Architekt einen Schmierzettel zum Entwurf weiterentwickelt.

Wuppertal ist voll von wunderschönen historischen Gebäuden, und an vielen Stellen in der Stadt mühen sich Architekten erfolgreich, mit modernen Gebäuden neue, zukunftsweisende Akzente zu setzen. Noch folgt das allerdings mehr dem Prinzip des Zufalls. Vielleicht aber kommen in zwei Jahren zum nächsten BDA-Wettbewerb Gute Bauten mehr Stadtverwalter und mehr Politiker. Vielleicht finden sie Gefallen an moderner Architektur, die nicht einfach nur Investoren die Taschen füllt, sondern auch noch ausdrucksstark und prägend für Wuppertal ist. Wenn diese Erkenntnis reift, reicht es womöglich sogar für eine Gestaltungssatzung, die im Briller Viertel oder in Cronenberg, Ronsdorf oder am Toelleturm regelt, wie gebaut werden darf — ehe Stangenware den Eindruck der vielen schönen Wohngebiete in dieser Stadt irreparabel beschädigt.

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