Darum ist das Tanztheater eine nationale Angelegenheit

Darum ist das Tanztheater eine nationale Angelegenheit

Das „Neue Stück II“ kann richtungweisend für die Zukunft des Ensembles sein.

Alles ist in der Schwebe. Das Ensemble sucht auf dem Weg in die eigene Zukunft ungewöhnliche Partner wie zuletzt den griechischen Theaterregisseur Dimitris Papaioannou, Politiker in Stadt und Land suchen nach verlässlichen Finanzierungsmodellen, die das Theater in einem künftigen internationalen Tanz- und Begegnungszentrum an der Kluse in Elberfeld auf tragfähige Säulen stellt. Nach Stand der Dinge sind es zwei Schlüssel, die das Tor zur Zukunft öffnen.

Seit dem Tod von Pina Bausch im Jahr 2009 hat das Ensemble mit umjubelten Auftritten in aller Welt bewiesen, dass das Erbe der Choreographin aus Solingen über mindestens ein Jahrzehnt trägt. Aber das Ensemble kann und will kein Tanzarchiv sein, keine permanente Retrospektive. Die Gefahr ist zu groß, dass sich selbst die atemberaubendsten Stücke Bauschs einmal verbraucht haben könnten. Deshalb ist in Adolphe Binder eine Intendantin verpflichtet worden, die Neues wagen und den Weg des Tanztheaters definieren soll. Ausfluss dessen ist einerseits die Öffnung des Ensembles in die Stadt. Andererseits riskiert Binder ungewöhnliche Kooperationen wie die mit dem griechischen Theaterregisseur Papaioannou. Ergebnis ist das „Neue Stück I“. Es wurde nach der Premiere im Mai nicht nur bejubelt. Zu wenig Tanz, zu wenig Musik, zu krasse Bilder, befanden manche Kritiker. Der Schatten Pina Bauschs ist lang. Und es ist ein riskantes Unterfangen, einer glänzenden Geschichte Kapitel hinzuzufügen, wenn die eigentliche Autorin die Feder nicht mehr führt.

An diesem Samstag hat das „Neue Stück II“ des norwegischen Choreographen Alan Lucien Øyen Premiere. Es geht um viel, es geht um Orientierung für die Zeit nach Pina Bausch. Was die Freunde des Tanztheaters erwartet, ist ungewiss. Das haben Premieren an sich. Aber wohl nie zuvor ist eine Uraufführung mit einer so großen Erwartungshaltung verbunden gewesen.

Denn es geht nicht nur um das Tanzensemble. Es geht in Wahrheit um das gesamte Tanztheater, um das große Erbe einer großen Künstlerin. Um dieses Erbe und die Bedeutung Bauschs für den modernen Tanz schlechthin zu würdigen und um eine Basis dafür zu schaffen, dass diese in Deutschland, in Wuppertal begonnene Entwicklung fortgesetzt werden kann, arbeiten Politiker um Oberbürgermeister Andreas Mucke (SPD), Stadtkämmerer Johannes Slawig (CDU) und Kulturdezernent Matthias Nocke (beide CDU) intensiv an Allianzen mit dem Land NRW und dem Bund. Es geht um zusätzliche Betriebskosten von etwa zehn Millionen Euro im Jahr, wenn das Tanz- und Begegnungszentrum am Wupperbogen und in dem heute geschlossenen Schauspielhaus an der Kluse in Betrieb genommen wird. 2024/25 soll das geschehen. Das Konzept steht, auch die Baukosten in Höhe von fast 60 Millionen Euro sind unter Bund (50 Prozent) Land und Stadt verteilt.

Aber die Maurer kommen erst, wenn die Frage der Betriebskosten beantwortet ist. Das Land hat Bereitschaft bekundet, sich deutlich höher als mit den bisher knapp eine Million Euro pro Jahr zu beteiligen. Die Stadt will ihr Budget ebenfalls anheben. Aber der Bund ziert sich noch. Das wurde deutlich, als jetzt der FDP-Bundestagsabgeordnete Manfred Todtenhausen eine Anfrage an die Regierung stellte. Aus Sorge, dass alle Bemühungen im Sande verlaufen könnten, wollte er wissen, wie es denn nun mit dem Zuschuss zu den jährlichen Betriebskosten ausschaut. Die Antwort von Kultusministerin Monika Grütters (CDU) gibt mit „Geld für Bau und Planung“ den Stand der Dinge nüchtern wieder und beschreibt gleichzeitig, wie dick das Brett ist, das Slawig, Mucke, Helge Lindh (MdB SPD) und Co. in Berlin noch bohren müssen. Aber Beobachter glauben, Bewegung wahrnehmen zu können. Es ist zwar unüblich, dass der Bund Kultureinrichtungen dauerhaft fördert. Doch gibt es bereits Ausnahmen. Die Wagner-Festspiele in Bayreuth gibt es nur dank der Hilfe des Kultusministeriums. Und auch Berlins bedeutende Film-Berlinale wird aus Steuermitteln bezuschusst. Für beides sieht das Kultusministerium nationale Bedeutung.

Zur Premiere des „Neuen Stücks II“ haben sich unter anderem das New York Times Magazin, La Repubblica aus Italien, dazu Zeitungen aus der Schweiz, aus Kanada und Frankreich angesagt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schickt einen Kritiker, und die Süddeutsche Zeitung wird auch vertreten sein. Das zeigt die nationale und internationale Bedeutung des Wuppertaler Tanztheaters und sollte die Bundesregierung davon überzeugen, dass die Förderung des Pina-Bausch-Zentrums kein Luxus ist. Diplomaten sind vermutlich zu diplomatisch, so etwas zu sagen.

Dass aber Norwegens Botschafter Petter Ølberg zur Premiere von „Neues Stück II“ im Opernhaus reden wird, spricht für sich, es spricht für das Tanztheater und das Pina-Bausch-Zentrum.

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