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Corona lässt Bewerberzahlen für Ausbildungen zurückgehen

Ausbildungsmarkt in Wuppertal : Corona lässt Bewerberzahlen für Ausbildungen zurückgehen

Es gibt weniger Bewerber in der Coronakrise. Das liegt etwa an fehlenden Begegnungen - zum Beispiel bei Praktika - oder an dem Wunsch, einen Abschluss ohne Corona-Einfluss zu machen.

Dell Amiri (21) ist Auszubildender bei Policks Backstube. Er wird Bäcker, wenn er die Lehre abgeschlossen hat. Ein Beruf, den nicht mehr viele erlernen wollen. Aber Amiri übt ihn gerne aus. Er habe vorher ein Praktikum als Kfz-Mechaniker gemacht, aber das sei nichts für ihn gewesen. „Da wird man sehr dreckig, die Kleidung, die Finger“, das gefiel ihm nicht. In der Backstube sei das anders. „Lebensmittel sind sauber“, sagt er. Über ein Praktikum ist er damals an die Ausbildungsstelle gekommen.

Ein Weg, der heute nicht mehr so leicht machbar ist. Dirk Polick, Bäcker-Obermeister der Kreishandwerkerschaft Solingen-Wuppertal, sagt, es sei ein Problem für ihn, an Auszubildende zu kommen. Schon ohne Corona. Aber mit Corona noch mehr. Denn die Begegnungen und Kontakte fallen weg. Die Praktika, die von Schulen organisiert werden, die Messen. Normalerweise bewerben sich zwei, drei junge Menschen auf eine Stelle. Im vergangenen Jahr sei es nur einer gewesen. „Wir hatten auf beiden Seiten Zweifel. Wir wussten aber, wir müssen ihn nehmen“, erinnert sich Polick. Dieser Azubi sei dann nach zwei Monaten gegangen.

Es fehlt an Berührungspunkten zwischen Schülern und Firmen

Bäcker ist sicher ein extremes Bespiel. Aber die Klage ist überall gleich: Corona erschwert die Suche nach Auszubildenden.

Die Zahl der Bewerbungen um Ausbildungsplätze sei im aktuellen Corona-Jahr um etwa 30 Prozent zurückgegangen - je nach Beruf, sagt Rüdiger Funk vom Personalmanagement der Wuppertaler Stadtwerke. Und das hat Folgen für die Stadtwerke. Funk sagt, dass die Stadtwerke befürchten, auf nicht vergebenen Ausbildungsplätzen sitzen zu bleiben. Das habe Auswirkungen auf die Personalplanung. Und könne dazu führen, dass Bewerber, die später auf den Markt kämen, sich später bewürben, in die Situation kämen, dass es im kommenden Jahr nicht mehr Ausbildungsplätze gebe - aber eben mehr Bewerber. Ihn erinnere die Situation an den doppelten Abiturjahrgang 2013. Das liege auch daran, dass viele Schüler versuchten, nach dem Corona-Abschluss weiter zur Schule zu gehen, einen Abschluss ohne Makel zu bekommen. Oder aber unsicher seien wegen der Krise und der Zukunftsaussichten.

Weniger Bewerber als vor einem Jahr

Carmen Bartl-Zorn, Leiterin der Abteilung Aus- und Weiterbildung bei der Bergischen IHK, sagt, 2020 habe es im Städtedreieck 350 Bewerber weniger gegeben als im Jahr zuvor, 118 davon in Wuppertal. Das mache ihr Sorgen. Auch wenn weniger Ausbildungsstellen unbesetzt geblieben sind als im Vorjahr. Im März 2020 waren es 1829, im März 2021 noch 1613.

Laut Bartl-Zorn und Funk, sei es wichtig, dass die Schüler, die Azubis werden wollen, aus der Not eine Tugend machen. Denn die Kompetenzen, die sie im Homeschooling erworben hätten, seien wertvoll auf dem Arbeitsmarkt: Zuverlässigkeit, Eigenmotivation, Problemlösungskompetenzen. Sie meinen, Schüler sollten sich zutrauen, damit auf den Arbeitsmarkt zu gehen und Bewerbungen schreiben. Der Corona-Abschluss sollte als Vorteil gesehen werden.

Dennoch bleibt das fehlende Kennenlernen, der fehlende Kontakt. Die Corona-Pandemie sorge für ein Defizit bei der Berufsorientierung. Carmen Bartl-Zorn sagt, es sei in der Pandemie schwierig Firmen und Schüler zusammenzubringen. „Seit einem Jahr haben wir keine Präsenzbegegnung mehr“, sagt sie. Keine Messen, kein Bewerberdating - bei dem sonst 70 Betriebe und 400 Interessenten zusammengekommen seien. Das habe sich ins Digitale verlagert. Und es habe sich ein großes Interesse der Firmen gezeigt. 100 Firmen seien dabei - aber auch wenn man dort leicht „mit drei Klicks“ einen Termin vereinbaren könnte, bliebe die Rückmeldung hinter den Erwartungen zurück, so Bartl-Zorn. Dabei würde sich die Industrie wünschen, dass es mehr Bewerber gibt. „Die Firmen warten darauf“, sagt Bartl-Zorn.

Funk sagt, Betriebe wie die WSW wüssten jetzt die Messen mehr zu schätzen. Früher habe man häufig gedacht, die Reaktion sei verhalten - aber wenn man die Schüler angesprochen habe, habe sich häufig ein gutes Gespräch entwickelt. Digital bleibe das ganz aus.

Bartl-Zorn und Funk sehen ein Problem darin, dass es aktuell an der Berufsfelderkundung in den Schulen fehle. An Vermittlungstagen. An Praktika. „Am persönlichen Kennenlernen, am sich gegenseitig Ausprobieren“, wie Funk sagt. Wie es auch Polick beschreibt. Der sagt, es mache einen Unterschied, ob Schüler oder Praktikanten mit Mitarbeitern und Auszubildenden sprächen, die ihnen etwa auch die Arbeitszeiten schmackhaft machen könnten. Denn wer früh aufstehe, könne zum Beispiel auch früh etwas mit der Familie machen. „Das können andere nur am Wochenende“, sagt Polick.

In der Wirtschaft hat man lange schon über Bewerbermangel geklagt. Und über fehlende Kompetenzen der Bewerber. Deswegen, so Carmen Bartl-Zorn, habe man immer mehr auch Abstand vom Zeugnis als alleinigem Kriterium genommen und auf das Kennenlernen gesetzt. Das sei während der Coronazeit umso schwieriger, aber umso wichtiger, sagt auch Funk. „Im Test haben Bewerber schon mal schlecht abgeschnitten. Aber wir wissen auch, dass es keine normalen Umstände sind und auch Stoff nicht vermittelt worden ist.“ Deswegen sei der persönliche Eindruck umso wichtiger. Eine Einladung zum Gespräch sei auch eine Chance für die Jugendlichen, und gebe Selbstbewusstsein. Das sei etwas anderes, als im Zimmer vor dem Rechner zu sitzen und per Video zu sprechen.