Chormusik und Computerspiel verbinden

Chormusik und Computerspiel verbinden

Der Musikpädagoge Prof. Dr. Helmke Jan Keden will Musik aus der Lebenswelt von Jugendlichen didaktisch nutzbar machen.

Seit sechs Monaten ist Professor Dr. Helmke Jan Keden an der Bergischen Universität. Der Musikpädagoge an der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften unterrichtete sechs Jahre an einem Gymnasium in Hilden, bevor er sich entschloss, seine Hochschulkarriere als Universitätsprofessor in Köln und nun in Wuppertal fortzusetzen. Damit steht er auf der „anderen“ Seite und weiß, was Schule braucht: Zukünftige Lehrerinnen und Lehrer müssen insbesondere im Fach Musik künstlerisch versiert sowie musikwissenschaftlich und musikpädagogisch vielseitig ausgebildet sein.

Mit Musik kompetent umgehen zu können, hält Keden für genauso wichtig wie Lesen und Schreiben: „Es war noch nie so viel Musik in unserer Welt wie jetzt. Allein durch die steigende Medialisierung spielt Musik bei vielen Menschen eine immer größer werdende Rolle. Ebenso wird immer mehr musiziert, wenn auch nicht unbedingt im konventionellen Sinne.“ Es sei eine wichtige Aufgabe in der Ausbildung, dass Lehrer in diesem Bereich kompetent sind.

Die Fähigkeiten zum selbstständigen Handeln im musikalischen Bereich sollten schon von Kindheit an gefördert werden. So hält Keden die breit angelegte musikalische Früherziehung in Kindertagesstätten und der Musikschule genauso wie Förderprogramme in den Grundschulen für enorm wichtig. Doch hier gibt es Probleme. Beispielsweise wird in der Erzieherausbildung Musik kaum noch als Ausbildungsfach angeboten. „80 Prozent des Musikunterrichtes wird dort fachfremd unterrichtet“, kritisiert Keden, „und viele dieser Lehrer singen häufig in ihrer bequemen Lage, was für Kinder viel zu tief ist und Stimmschäden zur Folge haben kann“.

In Wuppertal helfen kurzfristig außerschulische Förderprogramme, wie die „Sing-Pause“ der Bergischen Musikschule: Zwei Mal wöchentlich kommen professionelle Gesangsdozenten an die Schulen und singen mit den Kindern. Singend erarbeiten Singleiter und Kinder musikalische Grundkenntnisse sowie ein breites, internationales Liederrepertoire. Während der „Sing-Pause“ bleiben die Lehrer im Klassenraum und profitieren ebenfalls vom fachqualifizierten Singen.

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Außer der klassischen Orchester- und Chormusik, für die Keden viele schulische Anwendungsmöglichkeiten erarbeitet hat, ist er aber auch daran interessiert, die Möglichkeiten der Mediatisierung auf ihren Nutzen für einen zukunftsweisenden Musikunterricht zu überprüfen: „Wenn ein Schüler mit seinem iPad stolz zu mir kommt, und sagt: ‚Schauen Sie mal, was ich hier geschrieben habe‘, dann sind das ja auch musikalische Fertigkeiten, die für den Musikunterricht von Nutzen sind.“

Insbesondere der Sing- und Chorforschung hat sich Keden verschrieben. So hat er die Gründe für das zwischenzeitliche Verschwinden des Singens in den Schulen in vielen Publikationen erklärt, unter anderem in dem Artikel „Die Gleichschaltung des Chorgesangs im „Dritten Reich“. Nach anfänglicher Umorganisation und Gleichschaltung entstanden eine ganze Reihe von Werken, die die Massen beeinflussen sollte. „Und dies wiederum war dann ein wichtiger Grund für die große musikalische Krise des Singens nach 1945“, führt Keden aus, so dass das Singen fast aus den Schulen verschwand.

Vor etwa zehn Jahren trat dann die Trendwende ein und der praktische, reflektierte Umgang mit dem Singen, ob professionell oder im Laienbereich, nehme wieder stark zu. Das sei gut, so Keden, denn die Fähigkeit des Singens sei einzigartig und sollte weiter untersucht werden. „Lieder, die wir in der Kindheit singen, vergessen wir nicht“, sagt er und aus der Demenzforschung weiß man, dass Menschen, die nicht mehr sprechen können, das Singen nicht verlernt haben. So laufen beim Singen in unseren Gehirnarealen bestimmte Prozesse ab, die noch weiter erforscht werden müssen.

Uwe Blass ist Mitarbeiter der Wissenschaftstransferstelle der Bergischen Universität

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