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Cannabis: Wuppertaler Medienprojekt dreht Film gegen das Kiffer-Image

Gesundheit : Medienprojekt dreht Film gegen das „Kiffer-Image“

Betroffene erzählen von ihren Erfahrungen mit medizinischem Cannabis.

Droge oder Medizin? Seit drei Jahren gibt es Cannabis bei manchen Krankheiten auf Rezept. Andreas von Hören, Leiter des Medienprojekts Wuppertal, dreht gerade einen Film dazu. „Wir kennen das Thema seit Jahren aus unseren Filmen über chronische Krankheiten“, erzählt er. „Und Cannabis scheint bei sehr vielen Krankheiten zu helfen.“ Er hoffte, drei oder vier Betroffene zu finden, die im Film ihre Erfahrungen schildern. Tatsächlich meldeten sich innerhalb kurzer Zeit rund 100 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Auslöser für die Filmidee war Christine, deren Sohn wegen „restless legs“ (unruhige Beine) ohne die Behandlung mit Cannabis nächtelang nicht schlafen kann und dadurch immer dünner und depressiver wird. „Ich möchte damit an die Öffentlichkeit gehen. Bestimmt gibt es mehr Menschen in Deutschland, die ähnliche Probleme haben, aber nicht mehr die Kraft, etwas zu unternehmen“, sagt sie. „Es ist Zeit, dass sich unser System ändert und die Öffentlichkeit davon erfährt, wie mit Menschen umgegangen wird, die Cannabis als Medikament haben, aber keinen Krebs.“ Immer wieder hat sie erlebt, wie Ärzte ihren Sohn als „Junkie“ abstempelten, ohne seine wirklichen gesundheitlichen Probleme lösen zu können.

Drei Betroffene kommen
im Hauptfilm zu Wort

Für Andreas von Hören war es schwierig, aus den vielen berührenden Schicksalen passende für den Film auszuwählen. Er wollte möglichst unterschiedliche Grunderkrankungen und Altersklassen dabei haben. Mit 40 Cannabis-Konsumenten telefonierte er ausführlich. Drei Betroffene kommen jetzt im Hauptfilm zu Wort, weitere fünf im Zusatzmaterial. Bis nach Berlin, Heidelberg und ins Saarland fuhr der Filmemacher für die Interviews, immer begleitet von einem Kameramann.

Sehr beeindruckt hat ihn beispielsweise Stefano: Er leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, nachdem er als Kind massiver Gewalt ausgesetzt war. Andere Medikamente hatten gravierende Nebenwirkungen. Nur Cannabis schafft es, ihn zu stabilisieren. Allerdings weigert sich die Krankenkasse, das hilfreiche Medikament für ihn zu bezahlen. „Er arbeitet hauptberuflich als Krankenpfleger, und dann zusätzlich noch einmal zehn Stunden pro Woche, um das Cannabis bezahlen zu können“, bewundert ihn der Filmemacher.

Oder eine Frau, die an Multipler Sklerose leidet: Sie hat einerseits ihre Ernährung auf vegan umgestellt und nimmt andererseits Cannabis. Dadurch kann sie ihre Krankheit so im Griff halten, dass sie ein relativ normales Leben führen kann. „Das Problem der Leute ist, dass sie teilweise das Cannabis fünf- oder sechsmal am Tag nehmen müssen. Dann haben sie das Problem, dass sie auch in der Arbeit einen Ort finden müssen, wo sie konsumieren können“, erklärt Andreas von Hören. „Und sie müssen viel diskutieren, gegen das Kiffer-Image argumentieren.“

Er möchte diesen Menschen eine Stimme geben. Deshalb arbeitet er auch hauptsächlich mit O-Tönen, ohne erklärenden Erzähler. Für die Einordnung sorgen zwei Ärzte: Prof. Kirsten Müller-Vahl gehört zum Sachverständigenausschuss für Betäubungsmittel und hat die Bundesregierung bezüglich des Cannabis-Gesetzes beraten. Sie hat erlebt, dass Cannabis sehr vielen Patienten Erleichterung verschaffen kann und bedauert, dass es so wenig Studien dazu gibt. Da nur für wenige Krankheiten die Wirkung von THC und CBD belegt ist, zahlen Krankenkassen die Behandlung auch nur bei diesen Krankheiten. Anderen Patienten können Ärzte das Medikament zwar aufschreiben, aber nur als Privatrezept. In der Apotheke ist Cannabis teurer als auf dem Schwarzmarkt, dafür aber mit kontrollierter Wirkstoffmenge. Dr. Thomas Klein vom Fachverband Sucht hingegen warnt vor einer möglichen Abhängigkeit. In den nächsten Monaten wird der Film jetzt geschnitten. Im Frühjahr 2021 soll er dann veröffentlicht werden, erst im Kino in Wuppertal, dann gebührenpflichtig als DVD und Streaming. Mit dem Verkauf solcher Filme, meist an Bildungsinstitutionen, finanziert sich das Medienprojekt zu großen Teilen.