Buchvorstellung in Wuppertal: „Wie zwischen zwei Welten“

Homosexualität und Kirche : „Wie zwischen zwei Welten“

Timo Platte hat ein Buch über Kirche und Homosexualität herausgegeben. Von Verlagen hatte er dafür nur Absagen erhalten - ein Crowdfunding hingegen brachte mehr Geld ein als nötig.

Homosexualität, Kirche und Glauben. Über dieses leidvolle Spannungsverhältnis berichten die Autoren im Buch „Nicht mehr schweigen“. Der Herausgeber Timo Platte hat es nun im evangelischen Gemeindezentrum Uellendahl vorgestellt.

Leicht vorgebeugt, auf einem großen, gelben Sessel hebt Platte unter dem Kreuz der Kirche in gedimmtem Licht an und erzählt die Geschichte von Birgit, die sie selbst für das Buch niedergeschrieben hat. Erst im Alter von 30 Jahren habe sie sich ihre eigene Sexualität eingestanden und daraufhin weitere 15 Jahre in einer Beziehung gelebt, die sie vor der Gemeinde, ihrer Familie und Freunden verschwieg. Nachdem sie sich entschieden hatte, die Beziehung öffentlich zuzugeben, trat sie als Diakonin zurück, wurde von Familienfeiern ausgeschlossen.

Therapie als unbewusste
Misshandlung

„Die Vorstellung, dass ein vollkommener Schöpfer mich so erschaffen haben könnte, gab es bei mir nicht“, berichtet der zweite Autor, dessen Geschichte am Abend vorgestellt wurde. Das Gefühl, selbst verantwortlich zu sein für die sexuelle Orientierung, führte zur jahrelangen Teilnahme an sogenannten „Konversionstherapien“, die die homosexuelle in eine heterosexuelle Orientierung verändern sollen. Eine „unbewusste Misshandlung“ nennt der Autor diese Form der Therapie rückblickend, die er zugelassen habe. Das Resultat: „Ich fühlte mich nach und nach von allen betrogen.“

Am Anfang des Buchprojektes über den Umgang christlicher Gemeinden mit homosexuellen und transsexuellen Mitgliedern stand ein türkischer Muslim. „Wirf deinen Glauben nicht weg“, hatte dieser Platte gebeten und damit einen wichtigen Anstoß gegeben, weiterhin in seiner Gemeinde aktiv zu sein und letztendlich das Buchprojekt durchzuführen. Da in der Entstehungsphase des Buches fünf christliche Verlage abgesagt hatten, wurde es letztendlich per „Crowdfunding“ realisiert. „Innerhalb von drei Wochen war da das Dreifache von dem zusammen, was wir eigentlich gebraucht hätten“, berichtet Platte. „Wie zwischen zwei Welten“ habe er selbst sich gefühlt nach seinem Coming-out. In der Welt der Gemeinde sah er sich konfrontiert mit den Vorbehalten gegenüber Homosexuellen, in der Schwulenszene mit Vorbehalten gegenüber der Kirche. Das Buch zeigt, dass er längst nicht der Einzige in diesem Dilemma ist.

25 Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen kommen darin zu Wort, die alle Eines teilen: Die eigene sexuelle Orientierung führte nicht zwangsläufig zum Austritt und Bruch mit Kirche und Glauben, sondern zu einer weiteren Auseinandersetzung mit vollkommen unterschiedlichen Verläufen und Ausgängen. In vier ihrer Geschichten führte Timo Platte die rund 50 Gäste, die bei weitem nicht alle aus der Gemeinde selbst kamen, ein. Begleitet wurde der Abend von der Musik des WDR-Moderators Marco Lombardo.

Viele positive und
selbstkritische Reaktionen

„Auch das Schreiben ist eine Form der Verarbeitung“, sagt Platte und erzählt von einer Autorin, die bis zwei Tage vor Drucklegung unter Pseudonym veröffentlichen wollte, dann aber ihren richtigen Namen freigegeben habe. Das Buchprojekt ist für ihn folglich auch „eine Reise, die gerade erst beginnt.“

Platte betont am Abend stets die positiven Reaktionen, die er auf sein Buch erhalten hat. Auch zutiefst selbstkritische, wie die eines freikirchlichen Pfarrers, den er am Abend zitiert: „Scheiße, wir haben es wirklich verkackt“, habe dieser ihm nach Lektüre des Bandes geschrieben. Negative Reaktionen habe es wenn in den „sozialen Netzwerken“ gegeben.

Dass die Lesung in einem evangelischen Gemeindezentrum stattfindet, ist für Pfarrer Holger Pyka wichtig: „Wir machen das, weil wir viel zu lange geschwiegen haben, als Gemeinde, als evangelische Kirche.“ Mittlerweile würden in der Kirche auch homosexuelle Paare getraut, ein Umgang, der längst nicht in allen evangelischen Landeskirchen anerkannt wird. „Das Thema ist eigentlich durch“, findet Pyka in Hinblick auf seine Gemeinde, in der auch offen schwul- oder lesbisch-lebende Pfarrer gewirkt haben.

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