Branntweinpest im 19. Jahrhundert

Branntweinpest im 19. Jahrhundert

Vor knapp 100 Jahren gab es auch im Tal massiven Alkohol-Konsum.

In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts sprachen bürgerliche Sozialreformer aufgeregt von einer neuen „Volksseuche“, die sie wortgewaltig als „Branntweinpest“ brandmarkten. Mit der forcierten kapitalistischen Industrialisierung im Wuppertal wurden nämlich auch die Klagen über die Auswirkungen des reichlichen Alkoholkonsums des Proletariats lauter.

Wuppertaler

Stadtgeschichte

Das Wort vom „Elendsalkoholismus“ machte die Runde. Für Friedrich Engels, den Fabrikanten-Sohn aus Barmen, der in den vierziger Jahren im Familienbetrieb „Ermen & Engels“ in Salford bei Manchester die Geschäfte führte und „die Lage der arbeitenden Klasse in England“ untersuchte, war die Sache eindeutig: Er sah einen direkten Zusammenhang zwischen kapitalistischer Industrialisierung und Alkoholmissbrauch. Nur mit Hilfe „geistiger Getränke“ könnten die Arbeiter ihre elende soziale Lage und unmenschlichen Arbeitsbedingungen vermeintlich erträglicher gestalten. Sie rutschten damit aber unvermeidlich in die Abhängigkeit und weitere Verelendung. In seiner noch heute berühmten, 1845 verfassten Sozialstudie, ließ Engels keinen Zweifel an den zwangsläufigen Folgen des Kapitalismus, denen die Arbeiter schutzlos ausgeliefert waren. Und was Engels für Manchester und das Mutterland des Kapitalismus beschrieb, hatte auch für das „deutsche Manchester“ an der Wupper seine Gültigkeit.

Für die Lage im Wuppertal ist insbesondere der Umstand von Bedeutung, dass die Arbeitgeber selbst im damals verbreiteten „Trucksystem“, dem sogenannten Warenzahlen, die abhängig Beschäftigten mit billigem Alkohol entlohnten und damit ihren Beitrag zur Trunksucht leisteten. Den Rest erledigte der allgemein sinkende Preis für Alkoholprodukte. 1839 schrieb Engels in seinen „Briefen aus dem Wuppertale“: „Alle Kneipen sind, besonders Sonnabend und Sonntag, überfüllt, und abends um elf Uhr, wenn sie geschlossen werden, entströmen ihnen die Betrunkenen und schlafen ihren Rausch meistens im Chausseegraben aus.“ Historisch ist der drastisch steigende Konsum im 19. Jahrhundert bestens belegt.

Lag in Preußen um 1800 der Pro-Kopf-Verbrauch von Branntwein pro Jahr noch bei zwei bis drei Litern, so verdoppelte er sich in den folgenden zwei Jahrzehnten. Die Gegenbewegung ließ nicht lange auf sich warten. Sozialreformer der Zeit stellten außer der „sozialen Frage“ jetzt auch die „Alkoholfrage“ und diskutierten deren Auswirkungen, vor allem auf die „Arbeitsmoral“. Aus den anglo-amerikanischen Städten gelangte die sogenannte „Mäßigungsbewegung“ bald auch ins Wuppertal. 1843 gründeten sich sowohl in Barmen als auch in Elberfeld „Enthaltsamkeitsvereine“. Obwohl die Barmer Variante schon drei Jahre später bereits 1 900 Mitglieder zählte, standen solch bürgerliche Moralanstalten weitgehend auf verlorenen Posten. In den 1840er Jahren wurden in Preußen über acht Liter Schnaps pro Kopf und pro Jahr konsumiert — gemessen in reinem Alkohol. Tendenz steigend.

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