Beyeröhde in Wuppertal: Hausrisse wecken Erinnerungen an das Jahr 1989

Einsturzgefährdete Häuser : Beyeröhde: Hausrisse wecken Erinnerungen

Ursula Tackenberg sieht auf die einsturzgefährdeten Häuser an der Beyeröhde. Und erinnert sich an eine ähnliche Gefahr 1989.

„Sie können sich nicht vorstellen, wie aufgeregt ich bin.“ Ursula Tackenberg (80) steht an ihrem Wohnzimmerfenster und blickt hinüber zur Straße Beyeröhde. Sie kann die Häuser sehen, die ihre Bewohner am 10. März verlassen mussten. „Jetzt kommen alle Erinnerungen wieder hoch.“ Denn vor fast genau 30 Jahren erlebte sie fast das Gleiche – nur eine Straße weiter.

Ursula Tackenberg kann sich an alles noch gut erinnern. „Ich bin die einzige, die noch lebt“, stellt sie fest. Alle anderen, die damals damit zu tun hatten, sind inzwischen verstorben. Damals arbeitete sie in der Firma ihrer Eltern, die sogenannte Harnische in Webstühle einbaute, Zubehör, das bei Jacquard-Webstühlen die Kettfäden steuert.

Das Gebäude der Firma Harnisch Schmidt lag hinter dem Haus Ehrenberger Straße 17, einem Gründerzeithaus aus dem Jahr 1903 – ganz ähnlich aussehend wie das jetzt einsturzgefährdete Haus Beyeröhde 45. Besitzer waren der Steuerberater Horst Stewes und ihre Eltern, denen auch die beiden daneben liegenden Häuser aus den 60er Jahren gehörten, in einem davon hat Ursula Tackenberg heute noch ihr Zuhause. Vor 30 Jahren, am Morgen des 29. März 1989 zeigten sich im Haus Nr. 17 zahlreiche Risse.

Bewohner hörten nachts
ein merkwürdiges Geräusch

Die Bewohner hatten nachts bereits ein merkwürdiges „Rascheln“ gehört, so stand es in der Westdeutschen Zeitung. Und am Morgen entdeckten sie zahlreiche Risse in Wänden und Decken. Ursula Tackenberg hat noch viele Fotos von damals: Risse quer über die Wand sind da zu sehen, eine Zimmertür die nicht mehr schließt, weil sie völlig schräg zur Wand steht. Sie zeigt auf einen Riss über einem Spülstein, der nur eine dünne Linie ist: „Hier konnte man später mit der Hand durchfassen.“

Damals kam der Familie die Kompetenz von Ursula Tackenbergs Ehemann zugute: Der Architekt Klaus Tackenberg wusste gleich, was zu tun war: „Er hat sofort ein Stützgerüst bauen lassen“, berichtet sie. Sie weiß noch, dass auch niemand das Firmengebäude betreten durfte, so lange das Gerüst nicht stand. Von Sandwannen aus hätten die Stangen bis an die Hauswände gereicht.

Anschließend hätten sie auch in den Wohnungen alles abgestützt – im Abstand von 80 Zentimetern. „So konnten die Mieter erst einmal wohnen bleiben und später alle Möbel aus den Wohnungen holen.“ Ein Statiker habe immer wieder Messungen vorgenommen, Fotos zeigen, dass die Größe der Risse immer wieder neu vermessen wurden.

Das Haus musste schließlich abgerissen werden

„Das Schlimmste für uns war, dass wir nicht wussten, ob wir unsere Firma weiterbetreiben konnten.“ Daran hingen auch Mitarbeiter. Für die Mieter des Hauses suchten sie neue Wohnungen. Der Steuerberater Stewes, der bis dahin Wohnung und Büro im Haus Nr. 17 hatte, zog erst in eine leerstehende Schule, später in das Haus Nr. 19.

An den jüngeren Nachbarhäusern ließen sich Schäden reparieren, aber das Haus Nr. 17 musste schließlich abgerissen werden. „Wir haben versucht, es zu retten. Aber weil es im Inneren aus Fachwerk bestand, hatte es nicht mehr genug Halt“, erklärt Ursula Tackenberg. Stück für Stück sei das Haus abgetragen worden, nur die Mauer zum Nachbarhaus musste erhalten bleiben. „Das Haus war super in Ordnung“, betont sie. Sie erinnert sich an ein schönes Holztreppenhaus. Und gerade erst hätten sie in einer Wohnung die Küche runderneuert. Auf die freie Fläche wurden dann nur noch Garagen gebaut.

Was damals die Ursache war – für Ursula Tackenberg steht das fest: „Das war damals ein Wasserrohrbruch.“ Sie befürchtet: „Das wiederholt sich!“ In der Ehrenberger Straße stellten die Stadtwerke am 30. März 1989 einen Wasserrohrbruch fest. Ursula Tackenberg sagt, gebrochen sei das Rohr vorher: „Ich habe doch das Wasser laufen sehen, direkt auf das Haus zu.“

Sie spricht auch von den alten Stollen der Zeche Karl, doch die hätten nichts damit zu tun gehabt. Vielmehr verweist sie darauf, dass das Areal Dolinengebiet sei, Wasser die Kalkschichten ausspülen könne. Damals habe ihre Familie die Stadtwerke auf Schadenersatz verklagt – ohne Erfolg: „Der Prozess war furchtbar“, sagt sie. „Wir hatten eine Million D-Mark Schaden. Das mussten wir alles selbst aufbringen.“ Weil das Steuerbüro und ihr Handwerksbetrieb gut liefen, sei ihnen das zum Glück gemeinsam gelungen. „Geholfen hat uns keiner“, sagt Ursula Tackenberg.

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