Beim Tai Chi Chuan wackeln auch dem Kranich mal die Beine

Beim Tai Chi Chuan wackeln auch dem Kranich mal die Beine

Im Botanischen Garten lehren Ulla und Manfred Mestel Tai Chi Chuan.

Hardt. „Man sieht, sie kommt vom Tanz“, bemerkt Ulla Mestel (65) und zeigt, wie eine entspannte Handhaltung bei der chinesischen Kampfkunst Tai Chi Chuan aussieht im Unterschied zu der einer Teilnehmerin, die den Mittelfinger nach innen abspreizt — grazil, aber nicht im Fluss.

Genau darauf kommt es aber an - gleichmäßige, fließende Bewegungen — und dabei zu sich kommen, zur Ruhe kommen — meditativ entspannen. Da es ein kostenloser Schnupperkurs ist, korrigiert die Wuppertalerin, die zusammen mit ihrem Mann Manfred Mestel (68) den Kurs leitet, solche Kleinigkeiten nicht. Die zum Teil schwierigen Bewegungen nachzumachen ist für den Anfang kompliziert genug.

„Sonst macht sie es schon erstaunlich gut — dafür, dass sie erst diesen Sommer dazu gestoßen ist“, lobt Mestel, die den Kurs zum fünften Mal anbietet.

Das laute Brummen der Lüftungsklappen im Glashaus, wohin die Gruppe wegen des unsicheren Wetters diesmal ausweichen muss, durchbricht unangenehm die Stille, in der die 25 Teilnehmer (sonst immer etwa 50 Männer wie Frauen jeden Alters) Aufwärmübungen wie „Den Himmel stützen, die Erde stoßen“ vollführen. Ob der Störung, die im Lauf der Stunde im schwül-warmen Glashaus noch öfter eintreten sollte, bewegen sich denn auch nicht nur langsam die „den Himmel stützenden“ Hände der Gruppe zugleich und größtenteils erstaunlich synchron nach oben, die anderen Hände „stoßen“ langsam Richtung Erde. Es springt auch manch irritierter Blick zu rasch Richtung Glasdach, wo die Lüftungsklappen gemächlich schnarrend ihr Werk tun, und bringt den Irritierten aus dem Fluss.

„Ein Profi würde sich davon allerdings nicht stören lassen“, bemerkt Ulla Mestel. Sie und ihr Mann haben Tai Chi Chuan, auch Schattenboxen genannt, zusammen vor vielen Jahren bei einem chinesischen Lehrer, Luoke Chen, in Wuppertal gelernt und von ihm die Erlaubnis bekommen, ihr Wissen weiterzugeben.

„Wer es wirklich beherrscht, ist ganz bei sich — wie in Trance — manchmal muss ich aufpassen, an ein Ende zu denken, denn ich könnte den Lauf immer so weitermachen“, sagt Mestel. Es gibt leichte Figuren, aber auch komplexe Bewegungsabläufe. Und so wackelt denn auch das ein oder andere Bein beim „Kranich“, während das andere angewinkelt und hochgehoben wird. Dabei das Gleichgewicht halten zu können, während auch noch ein Arm langsam in die Höhe schwingt, der andere sich zugleich nach unten senkt, verlangt eine hohe Konzentrationsfähigkeit und viel Körpergefühl.

Den ersten Lauf beherrschen die meisten dennoch schon gut, zusätzlich geben beide Anleiter hier und da sprechend Anweisungen — denn mancher braucht diese noch, auch wenn man es am Besten durch Anschauen und Nachahmen lernt.

Gegen Ende folgt wie immer ein stiller Lauf ohne Anweisungen — und so versinkt die Gruppe in ihre fließenden Bewegungen in der Stille des Glashauses. Nur manchmal wackelt der eine oder andere — der Kranich ist schuld.

Mehr von Westdeutsche Zeitung