Beim Abriss von Hertie hielt Wuppertal den Atem an

Bilder erzählen Stadtgeschichte : Als das Hertie-Kaufhaus der Zukunft im Wege stand

2006 wurde das traditionsreiche Kaufhaus am Neumarkt abgerissen.

In dieser Woche öffnete das Primark-Gebäude am Döppersberg seine Türen für die Kunden. Das Geschäftsgebäude ist ein dominierendes Element auf dem neuen Döppersberg – und es hat wegen seiner außergewöhnlichen Architektur in der Stadt sowohl Freunde als auch Kritiker gefunden. Die schärfsten Kritiker mögen sich damit trösten, dass selbst dominierende Geschäftsgebäude auf Dauer nur der Denkmalschutz vor einem Abriss schützen kann. Ein gutes Beispiel für die Vergänglichkeit von Konsumtempeln ist das Hertie-Kaufhaus am Neumarkt, das 2006 in einer spektakulären Abrissaktion dem Erdboden gleich gemacht wurde.
WZ-Fotograf Kurt Keil erinnert sich an den Einsatz riesiger Bagger und Kräne, an dicke Staubwolken über der Morianstraße und an Tage, in denen fast ganz Wuppertal gebannt auf die Baustelle schaute. „Täglich schauten hunderte Menschen dem Abriss zu. Das Haus musste Stück für Stück abgerissen werden, denn eine Sprengung war in der Fußgängerzone natürlich nicht möglich“, erinnert sich Kurt Keil.

Die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH hatte 1961 die Elberfelder Filiale eröffnet. Dem Gebäude verpasste der Volksmund den Beinamen „hässliche Einkaufsschachtel“. Dass Hertie am Neumarkt im wahrsten Sinne des Wortes im Schatten des größeren Nachbarn Kaufhof stand, wirkte sich ebenfalls nicht förderlich auf den Zuspruch der Kunden aus. 1992 investierte Hertie noch einmal rund zehn Millionen Mark in die Immobilie, die wenige Jahre später in den Besitz des Branchenriesen Karstadt überging. Im Januar 2000 verkündete Karstadt seinen Wuppertaler Mitarbeitern die baldige Schließung der Filiale. Alle folgenden Pläne, das Gebäude in einer anderen Form zu nutzen, scheiterten.

Im Oktober 2006 war der Abbruch des Gebäudes bereits weit fortgeschritten, als es massive Probleme mit einem 30 Tonnen schweren Trümmerstück aus Beton und Stahl gibt. WZ-Redakteur Stefan Melneczuk berichtete damals von „einer Notoperation“, bei der zwei Riesenkräne (250 und 350 Tonnen) zum Einsatz kamen. Eigentlich sollte der große Brocken in Richtung Neumarkt fallen, aber dann neigte er sich gefährlich in Richtung Morianstraße, wo der Verkehr übrigens bis auf wenige Unterbrechungen weiter floss. Im Rückblick kann man darüber schon ein wenig staunen, denn bis auf einen handelsüblichen Bauzaun trennte die Riesenbagger und die vorbeifahrenden Fahrzeuge nichts.

In 16 Monaten wurde das neue Geschäftsgebäude fertiggestellt

Nach dem Abbruch wurden schnelle Lösungen für das Grundstück in prominenter Lage gefunden. Das neue Geschäftshaus am Neumarkt 1 bietet rund 9200 Quadratmeter Büro- und Einzelhandelsfläche. Der Bau kostete einen privaten Investor rund 23 Millionen Euro. Es wurden 91 bewirtschaftete Stellplätze in einer Tiefgarage geschaffen. Die Bauzeit belief sich auf rekordverdächtige 16 Monate. Der Elektronik-Riese Saturn und die Sport-Park-Group (2300 Quadratmeter Fläche auf zwei Etagen) mit ihrem Fitness-Center zogen 2008 in das moderne Geschäftsgebäude ein, für das die Wuppertaler sich keinen Spottnamen einfallen lassen mussten. Es war nicht die einzige große Neueröffnung in diesem Jahr. Im September 2008 war am Wall das neue Gebäude von Peek & Cloppenburg mit einer Verkaufsfläche von 8000 Quadratmetern eröffnet worden. Doch dann kam die Finanz- und Wirtschaftskrise, die zunächst einmal den Stopp vieler Investitionen bedeutete. Erst mit dem Umbau des Döppersbergs ab 2014 kam wieder Bewegung in die Elberfelder City.

Dass sich Primark mit einer Verkaufsfläche von 3200 Quadratmetern am Döppersberg begnügt, relativiert die Bedeutung des irischen Textil-Discounters für den Wuppertaler Einzelhandel. In Wuppertal – dafür ist die Geschichte des Hertie-Kaufhauses und des Nachfolgers beispielhaft – wurden schon größere Räder als Primark gedreht.

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