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Bei Rassismus geht es „um die Herstellung einer Hierarchie“

Uni Wuppertal : Bei Rassismus geht es „um die Herstellung einer Hierarchie“

Arzu Çiçek forscht an der Uni Wuppertal zu Rassismus. Sie spricht über Völkerschauen und wie der damals entstande Rassismus sich bis heute fortsetzt.

Schon die alten Ägypter stellten Menschen, die anders aussahen oder fremd wirkten, zur Schau. Im 19. Jahrhundert erlebten Völkerschauen in Europa einen Boom. Was wurde gezeigt?

Arzu Çiçek: Aus erziehungswissenschaftlicher und rassismuskritischer Sicht muss man sagen, dass das 19. Jahrhundert eine Zeit europäischer Imperien war und die Zeit des Kolonialismus. Die Völkerschauen etablieren sich in einer spezifischen, zeitgeschichtlichen Situation. Die Eroberung des globalen Südens, die Ausbeutung der Länder sowie die Versklavung der Menschen wurde schon im 18. Jahrhundert durch Rassentheorien aus der Wissenschaft und der Philosophie legitimiert. Namen wie die des Naturforschers de Buffon oder der Philosophen Kant und Hegel sind da zu nennen. Der Rassismus als eine europäische Erfindung, in der Zeit des Kolonialismus am Anfang der Moderne, hat diese besonderen Schaustellungen bedingt, ermöglicht und erfordert. Wir können diese Schaustellungen vor dem Hintergrund der Erfindung der Menschenrassen und der Legitimierung der Sklaverei als einen Teil einer Verschiebung im Verständnis der europäischen Kultur betrachten. Sie sind Teil einer neuen Erzählung vom Menschen, Teil eines großen Bildungsprojekts. Es sind sowohl die Körper der ausgestellten Menschen, als auch die Körper ihrer Betrachter in diese neue Lehre von den Menschenrassen eingebettet und ihre Sinne werden durch solche Ausstellungen auf eine neue Weise gebildet.

Auch für Wuppertal gibt es ein Beispiel. Bei der Völkerschau 1885 sollte die schon tuberkulosekranke Aborigine mit dem ihr verliehenen Namen Sussy Dakaro als „Bumerang werfende Kannibalin“ im Wuppertaler Zoo auftreten. Doch die 17-Jährige war zu schwach und starb in Sonnborn. Der Bürgerverein weihte 2017 eine Gedenktafel auf ihrem Grab, das man noch ausfindig machen konnte, ein. Wann endeten diese Ausstellungen?

Çiçek: ,Die Bumerang werfende Kannibalin’ ist ein Beispiel dafür, dass Menschen auf der Bühne oder in Käfigen präsentiert und in eine ganz andere Sprache und Kultur eingebettet wurden. Sie werden in Formen präsentiert, die wenig oder gar nichts mit dem zu tun haben, wie sie ihr Leben zuvor gelebt haben. Es geht darum, eine rassistische Ordnung oder Hierarchie einzuschreiben. Aus meiner Perspektive gibt es bis heute kein Ende solcher Schaustellungen. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich ja unsere technische Kultur sehr verändert. Wie die Malerei durch die Fotografie abgelöst wurde, ist die Schaubühne heute längst das Fernsehen und das mediale Angebot im Internet. Rassismus wird in der Werbung reproduziert, vor wenigen Wochen in einem VW-Spot, oder im Sonntagabend-Krimi. Aber auch in Schulbüchern oder politischen Reden werden rassistische Stereotype reproduziert. Oder die Unterhaltungsindustrie: das Phantasialand in Brühl, da kann man bei einem Familienausflug Länder besuchen wie China und dort die Tänzerinnen betrachten. Das ist also weiterhin ein rentables Spektakel, bei dem es nicht darauf ankommt, ob die Tänzerin tatsächlich aus China kommt und ob dort alle auf diese Weise tanzen, sondern es geht um die fortgesetzte Herstellung überkommener Homogenitätsphantasien und das Bedienen solcher Ideen.

Wie wirkt sich Rassismus heute in unserer Gesellschaft noch aus?

Çiçek: Es geht in der rassistischen Ordnung der Welt, der Umgangsweise mit Menschen und ihrer Wertschätzung um die Herstellung einer Hierarchie. Und so wirkt sich Rassismus auch heute aus. Nicht nur in kultureller oder moralischer Hinsicht, sondern vor allem auch in materieller Hinsicht profitieren auch heute noch bestimmte Menschen von rassistischen Ordnungen, während andere immer wieder körperlich, geistig, seelisch verletzt, beschädigt oder sogar ermordet werden. Die Bilder von George Floyds Ermordung sind nur ein Ereignis vieler schlimmer Ereignisse, die sich jeden Tag überall auf unserem Planeten ereignen, weil Rassismus heute noch immer nicht zur Vergangenheit gehört. Rassismus ereignet sich in unseren Bildungsinstitutionen, auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt, an den Grenzen und im Namen der Europäischen Union, wenn sie etwa an die Lager denken, in denen wir geflüchtete Menschen einsperren. Rassismus ereignet sich auch in Diskursen über Zuwanderung oder im Nationalismus. Rassismus ist ein Weltordnungsprogramm der modernen europäischen Kultur. Lange Zeit wurde er entweder der Vergangenheit zugeschrieben oder dem Schauplatz von Neonazis. Rassismus ist aber ein Teil unserer Alltagskultur und dort nicht nur im politisch rechten Milieu etabliert.

Uwe Blass ist Mitarbeiter des UniService Transfer der Bergischen Universität