Bei dieser Wuppertaler Finissage dürfen die Besucher mitmachen

Kultur : Bei dieser Finissage dürfen die Besucher mitmachen

Gäste des Café Swane gestalteten gemeinsam mit dem kubanischen Künstler Joa Tejeiro ein Porträt.

Lateinamerikanische Musik klingt durch das Café Swane. Die Nachmittagssonne fällt in den Wintergarten, in dem Joa Tejeiro mit ausladenden Pinselstrichen schwarze, verschieden getönte graue und weiße Farbe über eine auf dem Tisch ausgebreitete Leinwand streicht, bis sie den grob mit Kreide skizzierte menschlichen Torso komplett ausfüllt. Der kubanische Künstler stellte in den vergangenen drei Wochen seine Werkreihe „Iguales y diferentes“ – gleich und verschieden – aus. Zur Finissage der Ausstellung am Samstag hat er sich etwas Besonderes ausgedacht: Alle Besucher des Cafés konnten bei der Gestaltung des letzten Ausstellungsstücks mitwirken.

Joa Tejeiros Werke zeigen Porträts „stellvertretender Persönlichkeiten, die die heutige afrokubanische Kultur widerspiegeln“, so Tejeiros Frau Claudia A. Cruz – Persönlichkeiten verschiedenen Alters und Geschlechts, mit ausdrucksstarken Gesichtern und charakteristischen Accessoires, sei es eine extravagante Frisur oder auffälliger Schmuck. Eingearbeitet in die in Grautönen gehaltenen Porträts, die lediglich durch rote und goldene geometrische Muster durchbrochen werden, sind Stoffteile aus grober Jute und gebrauchten Kleidungsstücken, sodass „Dinge, die schon eine Geschichte haben, zusammen eine neue Geschichte erzählen“, wie Cruz erklärt. Auch kleinere Gegenstände wie Muscheln oder gefärbte Zweige finden Platz in den außergewöhnlichen Collagen – Symbole einer für lange Zeit unterdrückten und sich nun den Weg an die Oberfläche bahnenden Religion.

Das Kunstwerk wächst, das Konzept des Künstlers geht auf

Eine weitere Reihe Porträts gestaltete der Künstler auf originalem kubanischem Zeitungspapier – transparente Gesichter vor politischen Neuigkeiten. „In Kuba dienen viele Medien der Propaganda“, erklärt der DJ Maikel Salazar, der mit Joa Tejeiro aufwuchs und den Kontakt zwischen ihm und dem Café Swane herstellte.

Claudia A. Cruz überschreibt das langsam Form annehmende Porträt mit dem Titel des Werks: „Mi casa es tu casa“ – mein Haus ist dein Haus – „eine allgemeine Solidaritätshaltung“, die sich in der gemeinsamen Gestaltung spiegeln soll, so Cruz. Die jüngste Besucherin der Finissage fügt den Titel noch einmal auf Russisch hinzu und malt dazu das titelgebende Haus auf den Rand der Leinwand. Nach und nach fassen sich auch die anderen Besucher ein Herz und wagen erste Pinselstriche. Selly Wane, Inhaberin des Cafés, greift zu roter Kreide und verpasst der Figur einen großen herzförmigen Mund. Kurator Bodo Berheide korrigiert eine Wölbung des Halses und fügt der Schädeldecke rote Akzente hinzu. Maikel Salazar klebt schließlich eine Kette aus Kordel und Kronkorken über den Hals der Person, die immer deutlicher als Frau erkennbar wird, obwohl die zuvor im Miniaturformat angefertigte Skizze eher auf einen Mann hindeutete. „Das ist nur eine Idee“, betont der Künstler. „Das kann wachsen.“ Für ihn heißt die Weiterentwicklung des Motivs durch das Einbringen verschiedener Ideen, dass sein Konzept aufgegangen ist.

„Wir haben zu danken – wie schön dieser Raum ist“, wehrt Selly Wane ab, als Joa Tejeiro ihr für die Kooperation danken will. Nach eineinhalb Stunden gemeinschaftlicher Bearbeitung erhält das Gemälde noch ein typisch kubanisches Symbol: ein weit aufgerissenes Auge und eine Zunge, die von einem Messer durchstochen wird. „Das soll vor denen schützen, die Schlechtes tun und sprechen“, erklärt Maikel Salazar. „Dieses Haus ist jetzt auch geschützt.“ Denn das fertige Werk verbleibt im Café Swane. Ein Ausstellungsort für die rund 1,80 Meter lange Leinwand muss aber noch gefunden werden.

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