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Begrabt mein Herz in Wuppertal: Uwe Becker

Begrabt mein Herz in Wuppertal : „War nur ein Stück Servelatwurst, Oma!“

Mit neun passierte Kolumnist Uwe Becker ein Missgeschick mit seinem Luftgewehr.

Heute ist ein wunderschöner Tag, denn meine Frau hat Geburtstag. Und das wird selbstverständlich fröhlich bis leicht ausschweifend gefeiert. Ich möchte an dieser Stelle zuallererst aber ihren Eltern herzlich danken, denn ohne ihr Zutun hätte ich die ersten Zeilen meiner Kolumne nicht schreiben können. Ich freue mich eigentlich grundsätzlich gerne auf Geburtstagsfeiern, ob es nun die von Familienmitgliedern, Nachbarn, Arbeitskollegen oder guten Freunden sind.

Meinen eigenen Ehrentag ignoriere ich jetzt im Herbst des Lebens gerne, weil ich mich mit dem Älterwerden partout nicht anfreunden kann. Auf die Geburtstage meiner Eltern habe ich mich, wenn ich ehrlich bin, auch nur mäßig gefreut, weil ich nie genau wusste, was ich ihnen schenken sollte und wann sie überhaupt Geburtstag hatten. Irgendwann, als ich im Berufsleben stand und selber Geld verdiente, schenkte ich ihnen, wenn ich den Geburtstag nicht vergessen hatte, einfach Geld, und zwar mit dem Hinweis, sie sollten sich mal was Schönes kaufen. Ab meiner Volljährigkeit lag ja auch nur noch Geld mit einer ähnlichen Verwendungsanleitung auf meinem Geburtstagstisch.

Ich weiß nicht ganz genau, wie viele Geburtstage ich insgesamt miterlebt habe, aber es müssen bestimmt annähernd 1000 Feiern gewesen sein, wenn ich meine eigenen dazu zähle. Im Grunde waren viele dieser Feiern nicht so prickelnd und spannend, eher ziemlich langweilig und gezwungen. Viele Menschen gratulieren ja auch nur, weil sie glauben, das gehört sich so. Mir persönlich fehlt da oft ein Stück weit die Ehrlichkeit.

In der Kinderzeit war das alles ganz anders, wunderbar, toll, überwältigend und mega spannend. Schon Tage vor dem eigenen Geburtstag stieg die Aufregung und Vorfreude ins Unermessliche. Selbst auf die Geburtstage meines Bruders habe ich mich immer irrsinnig gefreut und konnte es kaum erwarten, dass er seine Geschenke endlich auspackt, denn insgeheim hatte ich immer die Hoffnung, es wäre ein tolles Spielzeug dabei, welches ihn aber nicht so vom Hocker gerissen hätte, und er es mir dann großzügig überließ. Leider trat solch eine Situation nie ein, auch nicht, als ich ihm bereits zwei Tage vor seinem achten Geburtstag, ich konnte es nicht länger abwarten, den Lederfußball, den meine Eltern ihm schenken wollten, aus dem Versteck im Wohnzimmerschrank holte und feierlich grinsend überreichte.

Was meine Geschenke angeht, kann ich mich nun wirklich nicht beklagen, denn meine Eltern haben hier vieles richtig gemacht. Gut, es war immer noch Luft nach oben vorhanden, weil manche Spielwaren natürlich auch in einer besseren Qualität käuflich zu erwerben waren, aber die richtig wichtigen Geburtstagsgeschenke wie Luftgewehr, Kicker, Carrera-Bahn, Fußballschuhe und Wurfmesser waren immer aus dem höheren Preissegment und daher absolut top.

Leider ist mir mit einem dieser Geschenke ein Missgeschick passiert. Als ich mit meinem Bruder und dem Luftgewehr Schießübungen durchführte, stand urplötzlich meine Großmutter im Schussfeld, weil sie ohne Vorwarnung die Tür zum Kinderzimmer aufriss, um uns zum Abendbrot zu bitten. Ich hatte aber zeitgleich bereits abgedrückt, und so traf ich meine Oma mit dem Bolzen am Kopf. Zum Glück drang das Geschoß nicht tief in Omis Schädel ein, weil die Entfernung zu groß war, um eine schwerwiegendere Verletzung zu verursachen. Es war trotzdem ein Schock für uns Kinder, ich war ja gerade erst neun, mein Bruder zwölf Jahre alt, und meine Eltern waren an der Costa Brava im Urlaub.

Wir wunderten uns aber, dass meine Großmutter die Schussverletzung anscheinend gar nicht bemerkt hatte. Da die Blutung an Omas Stirn bereits gestillt war, zog mein Bruder ihr, auch um uns allen den Appetit nicht zu verderben, erst nach dem Essen den kleinen Federbolzen aus dem Kopf. Sie meinte dann nur: „Huch, was hab’ ich denn da?“, darauf beruhigte ich sie: „War nur ein Stück Servelatwurst, Oma!“ Meine Großmama hat nie erfahren, dass wir sie knapp zwei Monate vor dem Attentat auf John F. Kennedy fast erschossen hätten.