Begegnungsstätte Alte Synagoge widmet sich dem Thema Antisemitismus.

Ausstellung: Vorurteile auf dem Prüfstand

Begegnungsstätte Alte Synagoge widmet sich dem Thema Antisemitismus.

Manchmal können sich auch hinter kleinen Klappen große Erkenntnisse verbergen. Begriffe wie „Geld“, „Opfer“, „Intelligenz“ oder „Macht“ stehen auf den Türen in der Ausstellung der Begegnungsstätte Alte Synagoge. Wer als Besucher die Klappen öffnet, wird dahinter darüber informiert, inwieweit diese Begrifflichkeiten auf Vorurteile über Juden beruhen. Das am Sonntag eröffnete neue Ausstellungsmodul der Begegnungsstätte widmet sich dem Thema „Antisemitismus“ und geht dabei bewusst und frontal auf gängige antisemitische Klischees zu, um sie zu hinterfragen und zu widerlegen.

Zudem gibt es zwei größere Türen, hinter denen sich historische Dokumente aus der Region befinden, die antisemitische Stimmungen in weiten Teilen der Bevölkerung vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts belegen. Dazu gehört unter anderem eine judenfeindliche Postkarte mit dem Borkum-Lied, die ein Urlauber aus Heiligenhaus um 1900 in die Heimat geschickt hatte. Auf der Nordseeinsel gab es damals – wie auch auf anderen deutschen Inseln – einen grassierenden Antisemitismus. Das belegt das Borkum-Lied, das mit übelsten antisemitischen Zuschreibungen arbeitet und dazu aufruft, die jüdischen Mitbürger von der Insel zu vertreiben.

„Urlaub war damals eine Frage des Status und galt als bourgeois“, sagte Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge. Da wurden jüdische Miturlauber nicht gerne gesehen und aus den Urlaubsorten vertrieben. Dabei sei es zu „antisemitischen Attacken infamster Art“ gekommen, betonte Schrader.

Vorurteile über Juden
sind Projektionen anderer

Die Begriffe auf den kleineren Türen und auch die erklärenden Texte dazu wurden von Geschichtsstudenten der Bergischen Uni im Seminar „Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus“ ausgewählt und verfasst. Dozentin des Seminars war Schrader, die die Studenten auch in der Begegnungsstätte unterrichtet hatte. Finanziell unterstützt wurde das neue Ausstellungsmodul mit den Mitteln des Bürgerbudgets Wuppertal. Im Rahmen eines Wettbewerbes gegen Rassismus und Antisemitismus konnte das Projekt einen der vorderen Plätze erreichen.

Mehrere Studenten nutzten am Sonntag die Möglichkeit, um bei der Eröffnung des Ausstellungsmoduls dabei zu sein. Zwei von ihnen waren Daniela Zimmer und Matthias Jansen. Er sei schon überrascht gewesen, zu sehen, wie viele antisemitische Vorurteile sich bis heute in der Bevölkerung gehalten hätten, erklärte Jansen. In dem Seminar habe man gelernt, wie man mit solchen Vorurteilen umgeht. Gleichwohl räumte Jansen ein, dass man mit dieser Art von Faktencheck nicht jeden erreichen kann. Kommilitonin Zimmer lobte überdies die Zusammenarbeit zwischen Uni und Begegnungsstätte. „Wir sitzen zu oft im Elfenbeinturm“, sagte sie. Das Seminar mit Frau Schrader habe die Möglichkeit geboten, diesen zu verlassen.

Vor der Eröffnung des neuen Ausstellungsabschnitts hatte Schrader in einem Vortrag die Geschichte des Antisemitismus seit der frühen Neuzeit dargestellt. Wobei ihr eine Feststellung wichtig war: „Wenn wir über Antisemitismus sprechen, sprechen wir nicht über Juden, sondern über Antisemiten.“ Soll heißen: Vorurteile über Juden sind Projektionen und Zuschreibungen, die andere Menschen auf die Juden anwenden. Antisemitische Klischees fanden sich um 1500 zunächst vor allem im religiösen Kontext, im Zuge der Verweltlichung hinterließen sie dann aber auch Spuren in Wissenschaft, Politik und Medien.

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