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Bastian Kabuth inszeniert für das Wuppertaler Schauspiel "Die Waisen"

Schauspiel : Wuppertaler Inszenierung: Die brutale Welt der Gedanken und Sprache

Bastian Kabuth inszeniert für das Wuppertaler Schauspiel "Die Waisen". Premiere am 21. August.

Nein, eine Botschaft will Bastian Kabuth nicht ans Publikum senden. Eher eine Aufforderung. Eine Aufforderung, über die eigene Doppelmoral nachzudenken und darüber, dass Menschen in der Lage sind Dinge zu tun, die sie vermeintlich nie tun würden. „Die heile Welt ist oft nur heil, weil wir an der Oberfläche schwimmen.“ Der Regisseur probte noch kurz vor der Sommerpause mit dem Schauspielensemble Wuppertal Dennis Kellys Stück „Die Waisen“, das am 21. August die neue Spielzeit eröffnen soll.

Der Raum ist weiß, ein paar Stühle und Kleidungsstücke, die an Haken an der Wand hängen. Ansonsten Leere,   nüchterne Wartezimmeratmosphäre. Bastian Kabuth und die Bühnenbildnerin Milagros Pia Del Pilar Salecker haben den Raum in  das Theater am Engelsgarten gebaut:  Keine hyperreale Vorgabe, die den Zuschauer in seinen Gedanken lenken soll, sondern Freiraum „für die brutale Welt der Gedanken und Sprache“, so der junge Regisseur, der mit 19 Jahren unter Claus Peymann am Berliner Ensemble seine Karriere begann. Einer Sprache, die ein unglaubliches Tempo habe „wie Musik, wie Zahnräder, die ineinandergreifen mit wahnsinnigen Pausen, die in der Stille Brutalität schaffen“. Ein sechsstündiger Abend wird in einer Stunde und 40 bis 50 Minuten erzählt.

Im Zentrum stehen drei Menschen und ihre Beziehungen untereinander: das Paar Helen (gespielt von Lena Vogt) und Danny (Alexander Peiler) und der Bruder von Helen, Liam (Kevin Wilke). Die Geschwister haben als Kinder ihre Eltern verloren, ein grausames Schicksal, das den Titel des Stücks erklärt, sie aufs engste verbindet und das sie dennoch unterschiedlich handeln lässt. Helen ist verheiratet, lebt in einer Mittelschichtwohnung. Sie hat sich mit ihrem Mann zu einem Candlelight-Dinner zusammengesetzt, um über die noch junge Schwangerschaft zu sprechen. Ihr Bruder, ein Kleinkrimineller und Rumtreiber, platzt in die romantische Szene. Blutverschmiert und verwirrt. Aufgefordert sich zu erklären, verheddert er sich in Widersprüche, die ahnen lassen, dass er in Schwierigkeiten steckt. Das Gespräch nimmt Fahrt auf, entwickelt sich zum Verhör, in dessen Verlauf schreckliche Wahrheiten auf den Tisch kommen.  Wahrheiten, die nicht nur die befürchtete Tat des Bruders betreffen (er hat in seinem Hass auf die Welt einen zufällig dazu bestimmten Familienvater auf grausame Art gefoltert). „Die ganze Welt mit all ihren Beziehungen steht schließlich auf dem Spiel“, erzählt Kabuth.  „Die Kernfrage dabei lautet, was man bereit ist zu geben, zu opfern und zu vergeben, um seine Welt zu erhalten.“ Eine Frage, die sich auch in der Coronakrise offenbart, in der menschliche Verhaltensweisen deutlicher werden, Taten wuchtiger zutage treten, sagt Kabuth, ohne diesen aktuellen Bezug besonders hervorheben zu wollen. Denn die Themen des Stücks, „die schmerzhafte Überprüfung,  wie leicht unsere moralischen Grundwerte korrumpiert werden“ (The Guardian),  sind auch so stets aktuell.

Eine pessimistische Inszenierung, aber nicht ohne Hoffnung

Und so gibt es in diesem durchweg spannenden Werk kein entweder Gut oder Böse. Alle werden zu Tätern: Liam, der tatsächlich eine körperliche Straftat begangen hat, Helen, die in dem Bemühen, ihren Bruder zu schützen und damit auch ihre Welt zu erhalten, ihren Mann zum Mittäter machen will und ihn dazu erpresst. Und Danny, der eigentliche moralische Anker, der gebrochen und  Mittäter wird. Dennoch  sei „Die Waisen“  weniger Thriller denn furchtbare Tragödie, da alles eingerissen werde, findet Kabuth. Eine pessimistische Inszenierung, die den Zuschauer aber nicht ohne Hoffnung entlassen will: „Man kann auch aus schrecklichen Bildern etwas Positives ziehen.“ Insofern sei der Abend Warnung und Plädoyer an Ehrlichkeit, Wertschätzung, Offenheit, Kompromisse und Kommunikation.

Die Corona-Pandemie sorgt dafür, dass das Stück nicht mehr in der vergangenen Spielzeit gezeigt werden konnte. Das Wuppertaler Publikum muss bis nach der Sommerpause warten.