Barmen statt Badestrand

Barmen statt Badestrand

Die Rückkehr zur Idylle: Wer Erholung und Natur sucht, ist in Wuppertals schönen Kleingartenanlagen goldrichtig.

Wuppertal. Herr über einen Kleingarten wollte Harald Schöler eigentlich nie sein. Der Barmer war skeptisch, wollte seinen Feierabend und sein Wochenende nicht ausschließlich der Gartenarbeit auf abgesteckter Parzelle widmen. Als die erste Enkelin unterwegs war, ließ er sich von seiner Frau umstimmen, um dem Nachwuchs Natur zu bieten. Er fand in der Kleingartenanlage Springen am Kothen sein Paradies. Mehr als zwölf Jahre ist das her.

"Nun kann er es morgens gar nicht abwarten, in den Garten zu kommen", sagt seine Frau Karin, lehnt sich auf der Polsterbank zurück und lacht. Jedes Jahr kommen die Enkelinnen mit dem Flugzeug aus Rimini ins Bergische, um mit ihren Großeltern den Sommer im Schrebergarten zu verbringen. Zwischen Blumenkübeln, Strohblumen, Porzellanfiguren, Gartenmöbeln und Panoramablick über das Tal kommen die Vier zur Ruhe. Die Laube, die der ehemalige Tischler mit viel Zeit und Liebe restauriert hat, strahlt auf engem Raum Gemütlichkeit aus. "Unser Garten ist ein kleines Paradies", schwärmt Karin Schöler.

"Wir schätzen, dass etwa zehn bis 15 Prozent der Kleingärtner ihren Urlaub auf den Anlagen verbringen", sagt Barbara Stein vom Kreisverband der Kleingärtner. "Das sind Leute, die gern im Grünen sind, und die ihren Kindern Erde, Natur, Wachstum nahebringen oder die kurze, schnelle Erholung wollen", sagt die Fachberaterin der Anlage Wolfsholz-Elsternbusch. Immer mehr junge Familien würden die grüne Idylle inmitten der Großstadt suchen.

Was einerseits Erholung ist, erfordert aber auch Disziplin: "Wenn wir im Sommer zwei Wochen am Stück wegfahren, würde hier alles vertrocknen", sagt Karin Schöler. Die beiden Rentner verlassen zurzeit ihre Parzelle nur ungern für einen längeren Zeitraum. "Warum auch? Wenn hier alles getan ist, im Oktober, dann fahren wir in den Urlaub. Sonst würden wir den Garten nicht wiedererkennen." Außerdem wären die Enkelinnen Charlotte (13) und Franziska (11) damit auch gar nicht einverstanden, schließlich freuen sie sich das ganze Jahr über auf den Sommer in Wuppertal.

"Es gibt soviel zu tun: Wir pflücken Johannisbeeren, Birnen, Pflaumen, ernten Tomaten, Zucchinis und Gurken", sagt Charlotte. Oder die beiden Mädchen greifen ihrer Großmutter unter die Arme und harken die Beete oder zupfen Unkraut. "Den ganzen Sommer in Rimini am Strand zu liegen, ist doch langweilig", sagt Charlotte. Lieber pflanzt sie die Blumen um, wühlt in der Erde nach Unkraut oder bastelt mit ihrer kleinen Schwester ein Insektenhaus. "Langeweile haben wir hier nicht."

Mehr von Westdeutsche Zeitung