Stadtleben: Bahnhofsbesucher hauen in die Tasten

Stadtleben : Bahnhofsbesucher hauen in die Tasten

Seit Samstag steht ein Klavier in der Bahnhofsvorhalle. Jeder darf darauf spielen.

Weil mit Musik bekanntlich alles besser geht, bietet die neue Mall des Hauptbahnhofs seit dem Wochenende ein vielstimmiges „Spielfeld“ mit 88 Tasten. Wer durch den Haupteingang in den neuen Einkaufsbahnhof am Döppersberg kommt, stößt in der Vorhalle auf ein Klavier, das dazu einlädt, gespielt zu werden. Jeder Reisende, Besucher der Mall oder sonstwie zufällig vorbeikommende Musikfan kann zumindest ein paar Töne klimpern oder – falls er sich zu Höherem berufen fühlt - auch längere Stücke darauf vortragen.

Am Samstagmittag wurde das Instrument der Öffentlichkeit übergeben. Damit klar ist, dass das Instrument nicht nur zum Anschauen in der Halle steht, macht ein Schild mit der Aufforderung „Spiel mit mir“ auf die Nutzbarkeit aufmerksam.

Die Übergabe und Einweihung war Teil der Feierlichkeiten rund um die Eröffnung des neuen Busbahnhofes. Die Idee kam von der Initiative „(M)eine Stunde für Wuppertal“. Er sei im Jahr 2016 bei einer Wanderung durch Frankreich im Bahnhof von Chamonix auf ein Klavier gestoßen, auf dem „A vous de jouer“ (Sie sind dran!) stand, erzählte der Gründer der Initiative, Markus von Blomberg. Das Angebot fand er so überzeugend, dass er das Konzept nach Wuppertal übertragen wollte und mit Stadt und Bahn in Verhandlungen trat. Man wolle damit auch den Umbau des Döppersbergs unterstützen, der ein „Wendepunkt“ in der Geschichte der Stadt sei.

Man hoffe nun darauf, dass das Instrument „reichlich Spieler“ findet, sagte von Blomberg. Vor Vandalismus sollen unter anderem die Kameras in der Vorhalle oder der Sicherheitsdienst schützen. Zudem wurde die Klavierbank mit einer Kette an dem Instrument befestigt, um Diebstahl zu verhindern.

Ein Instrument
im öffentlichen Raum

Er freue sich, dass das Klavier nicht nur für den Samstag im Bahnhof ein neues Zuhause finde und dort „auf Dauer“ stehen könne, sagte Oberbürgermeister Andreas Mucke bei der Einweihung des Instruments. Die Übergabe sei eine „ganz tolle Idee“, die einmal mehr zeige, wie wichtig das Ehrenamt für Wuppertal sei.

Das Jungfernspiel auf dem Piano am neuen Standort übernahm Marian Fricke. Der 19-Jährige aus Radevormwald spielt Klavier, seit er fünf Jahre alt ist. Zudem ist er Schüler der Bergischen Musikschule und bereitet sich derzeit auf seine Aufnahmeprüfung für ein Studium im Bereich „Jazzklavier und Jazzgesang“ vor. Zwei jazzig-poppige Stücke spielte er am Samstag, was angesichts des Trubels in der Halle und der etwas ungünstigen Akustik kein leichtes Unterfangen war. „Der Sound hier war etwas schwierig“, räumte er ein.

Über das Instrument im öffentlichen Raum freute sich auch die Pressesprecherin der Bergischen Musikschule, Ursula Slawig. „Es ist wunderbar, dass das Instrument hier steht“, sagte sie. Das Klavier könne die Neugier fürs Musizieren wecken und fördern, zudem sei es eine sinnvolle Beschäftigung, um Wartezeiten zu verkürzen. Überdies könnte sich Slawig auch vorstellen, dass die Musikschule das Piano für Darbietungen im öffentlichen Raum nutzt – etwa in Form von Flash-Mobs.

Am Samstag selbst konnte das Klavier allerdings noch nicht allzu oft von Besuchern ausprobiert werden, dazu waren die Ablenkungen und Feierlichkeiten rund um die Eröffnung des neuen Busbahnhofs und der Mall einfach zu groß. Es gab Tanzaufführungen, Versteigerungen von zurückgelassenen Koffern oder Live-Musik. Eher laut als schön hauten da zum Beispiel Jonas (15) und Frederick (16) in die Tasten. „Wir wollten mal hören, wie laut das ist“, sagte Jonas.

Laut und harmonisch spielte dann am Sonntagmorgen Hartmut Lubberich mit einem Boogie-Woogie auf. „Ich habe meine Tochter gerade zum Bahnhof gebracht und mich ganz spontan ans Klavier gesetzt“, sagte der Wülfrather und erhielt auf seinem Weg zum Parkhaus ebenso spontanen Beifall von seinen Zuhörern. Er finde es „gut, dass das Klavier hier steht“, sagte auch Hans Joachim Walter, der am Samstag mit seinem Hund durch die Vorhalle ging. So ein Angebot habe er auch schon einmal im niederländischen Nimwegen gesehen

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