Azubis auf den zweiten Blick erhalten Chance in Wuppertal

Weiterbildung : Azubis auf den zweiten Blick erhalten Chance

Die Arbeitsagentur Wuppertal hilft Bewerbern, die bislang nur Absagen kassiert haben.

Dass der „Azubi auf den zweiten Blick“ nicht zweite Wahl sein muss und sich zu einem wertvollen Mitarbeiter entwickeln kann, daran glaubt Sonja Andjelkovic, Geschäftsführerin der EWG Edelstahlschraubenfabrik Winterberg GmbH an der Dieselstraße fest. Sie schaut dabei auf Jörg Böning (20) und Jan-Marcel Schäfer (20), die nach einem Praktikum in den Osterferien zum 1. August ihre Ausbildung bei der EWG begonnen haben.

Zusammengerechnet hatten die beiden rund 150 Bewerbungen verschickt, darauf entweder Absagen oder gar keine Antwort erhalten. „Da kommt man dann irgendwann an einen Punkt, wo man sich fragt, ob das überhaupt Sinn hat“, stellt Jörg Böning fest. Die Wendung zum Positiven hat dann ein Vorstellungsgespräch mit Mathias Moneke, einem Arbeitsvermittler im Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal, gebracht. Er „packte“ sich die beiden jungen Männer mit einem weiteren Bewerber ins Auto und fuhr nach Langerfeld, wo Sonja Andeljokovic für das laufende Jahr noch keinen Auszubildenden gefunden hatte. „Das Gespräch mit den drei Jungs verlief ausgesprochen angenehm“, sagt Moneke. Die Geschäftsführerin war schließlich gewillt, allen drei Bewerbern die Chance eines Praktikums zu geben. „Der dritte junge Mann hat sich aber anders orientiert.“

Im Laufe des Praktikums zeigten sich Böning und Schäfer nicht nur lernwillig, sondern überzeugten auch durch höfliches Auftreten und Pünktlichkeit, so dass der Ausfertigung eines Ausbildungsvertrages nichts mehr im Weg stand. „Ich habe festgestellt, dass der Beruf Fachlagerist das Richtige für mich ist“, so Jan-Marcel Schäfer, der sowohl während des Praktikums wie auch im Laufe seiner Lehrzeit fürsorglich begleitet wird. „Als Lagerist muss man praktisch das gesamte Lager im Kopf haben, wissen, was wo liegt und dafür sorgen, dass alles in ausreichendem Maß vorhanden ist“, beschreibt der ehemalige Hauptschüler seine Tätigkeit.

Übernahme nach der
Ausbildung in Aussicht

Jörg Böning hat einen Realschulabschluss und die Schule bis zur 12. Klasse besucht, ehe er auf Berufssuche ging. „Akademische Berufe waren nichts für mich“, hatte er früh erkannt und einige Praktika im Metallbereich absolviert. „Da mein Vater Maschinenschlosser ist, war mir dieses Gebiet nicht ganz fremd.“ Vorstellungsgespräche und Bewerbungen brachten nicht den gewünschten Erfolg, zumal die potenziellen Arbeitgeber mit den Mathematik-Noten des jungen Bewerbers nicht einverstanden waren. „Mathe war in der Schule eher Theorie. Wenn man Dinge in der Praxis ausrechnen muss, ist das etwas anderes“, erklärt Böning, nachdem er sich an die Bundesagentur für Arbeit gewandt hatte. Bei EWG kann er nach erfolgreicher zweijähriger Ausbildung noch eine weitere Ausbildung zum Zerspannungstechniker anschließen. Und eine Übernahme in ein festes Arbeitsverhältnis ist in Aussicht.

Dazu muss sich der angehende Maschinen- und Anlagenführer sogar für zwei Jahre verpflichten, denn für die sechs Monate, die Böning im Laufe seiner Lehre in der Ausbildungswerkstatt von Vorwerk & Co. absolviert, zahlt die EWG pro Monat 800 Euro. „Wir nehmen also für die Ausbildung unseres Nachwuchses eine Menge Geld in die Hand“, sagt die Geschäftsführerin, deren Unternehmen von Martin Klebe, vorsitzendes Mitglied der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal, als vorbildlicher Ausbildungsbetrieb gelobt wird.

„Wäre ich rein nach den Schulnoten gegangen, dann wären die drei Jungs nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden“, so Sonja Andjelkovic, die den Vorschlag zum persönlichen Kontakt mit den Bewerbern durch die Agentur für Arbeit gern annahm und sich nun freut, Nachfolger für Mitarbeiter gefunden zu haben, die in der näheren Zukunft in den Ruhestand gehen werden. „Es wäre schön, wenn möglichst viele Betriebe dem positiven Beispiel von EWG folgen und den vermeintlich schwächeren Jugendlichen die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch geben würden“, hofft Martin Klebe.

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