Ausflug in Wuppertal: Paddeln auf dem Amazonas des Bergischen Landes

Ein schöner Tag in... : Paddeln auf dem Amazonas des Bergischen Landes

Bei einer Kanutour auf der Wupper offenbaren der Fluss und die Landschaft ihre Besonderheiten.

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Beim Stichwort Wassersportparadiese würde dem Freizeitsportler wahrscheinlich nicht als Erstes die Wupper einfallen, die jahrzehntelang mit dem Image des Industrieflusses behaftet war. Durch die in Wuppertal zahlreich ansässigen Färbereien,  weitere Industrie- und häusliche Abwässer galt sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts als einer der am stärksten verschmutzten Flüsse in Westdeutschland. Dieses Bild hat sich gründlich gewandelt. Wer heute beispielsweise auf der unteren Wupper zwischen Burgholz und Müngsten eine Kanutour unternimmt, der wird den Kosenamen „Bergischer Amazonas“ für einen der am schnellsten fließenden deutschen Mittelgebirgsflüsse unterstreichen können.

Und so begeben wir uns zusammen mit Ex-Kanuweltmeister Thomas Becker, der mit seinem kleinen Unternehmen Wupperkanutouren geführte Fahrten auf der Wupper anbietet, auf ein Kurzabenteuer der besonderen Art. Wir wählen die gängigste davon,  eben vom Parkplatz Burgholz an der L 74 kurz hinter dem Autobahnkreuz in Wuppertal Sonnborn  bis zum Parklatz Müngsten.  „Sie ist auch bei dem derzeit niedrigen Wasserstand möglich. „Zum Glück hat der  Wupperverband den Pegel über die Regulierung durch die Wuppertalsperre um ein bis zwei Zentimeter erhöht. „Das merkt man“, sagt Thomas Becker.

Nur knapp zweieinhalb Stunden braucht man im Kanu für die neun Kilometer lange Strecke, auf der der Paddler von der Strömung unterstützt wird. Wer die Tour aber mit einem Abstecher in den Müngstener Brückenpark unter die mit 107 Meter höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands verbindet, und/oder vorher in Wuppertal Schwebebahn fährt (ist seit 1. August ja wieder möglich),  kann das Programm spielend auf einen sehr abwechslungsreichen Tag ausdehnen.

Das setzt freilich etwas Planung voraus, beispielsweise wäre es ideal, die Fahrräder auf den Autoträger zu packen und am Zielort abzustellen. Die neun Kilometer von dort zurück zum Tourausgangsort, inklusive Abstecher in den Brückenpark, wären dann auf dem Wupperradweg locker zu bewältigen. Ansonsten ist aber zumindest  gewährleistet, dass Autofahrer zurück  zum Parkplatz Burgholz gebracht werden.

Bevor es losgeht müssen die Boote zum Wasser getragen werden. Auch Schwimmwesten sind Pflicht, falls man eine Besetzung kentert. Gepaddelt wird mit zwei bis vier Personen nach Indianerart. Foto: Fischer, Andreas H503840

Teamarbeit ist  gefragt -
ob in Familie oder Firma

Nun also zum Einstieg am Parkplatz Burgholz, wo wir an einer Dienstagstour teilnehmen. Für die haben sich, neben einigen Familien, die Mitarbeiter des Jura-Lehrstuhls für Bürgerliches Recht (u.a.) der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität angemeldet. Auch fürs Teambuilding – ob familien- oder firmenintern – kann eine solche Kanutour nämlich förderlich sein. Zunächst gibt es Arbeit, denn nach der  Aufteilung der Boote und der Verteilung der Schwimmwesten muss jede Besatzung - mindestens zwei müssen, maximal vier Paddler dürfen in ein Kanu – ihr Boot selbst hinunter zum Ufer tragen. Das liegt gut zehn Meter tiefer. Sofort umgibt uns Grün und schluckt den Lärm der L 74 fast völlig: „Amazonas, wir kommen!“

Nach einer kurzen Technikeinweisung durch unsere beiden Guides Chris und Leon geht es in die Boote. Beide werden uns - wie eine Art Schäfer – in ihren  Einer-Kajaks begleiten, um die Herde zusammenzuhalten und Besatzungen, die im stellenweise recht flachen Wasser auf  Grund laufen, freizuschleppen. Die Boote lassen sich zwar recht gut steuern, wenn der hinten sitzende Steuermann sein Paddel nach den vorher gegebenen Tipps richtig einsetzt, doch dabei ist fast ständig auf die ein oder andere Stromschnelle und Flachwasserzone zu achten. Und darauf, nicht zu nah an die Ufer zu kommen, wo immer wieder Äste und Sträucher ins Wasser ragen.

Das Wasser wippt übers steinige Flussbett - und wir wippen mit

Wer das über Steinen viele kleine Wellen schlagende und schnell fließende Wasser beobachtet, kann nachvollziehen, woher die Wupper (im Oberlauf Wipper) ihren Namen haben soll. Eine von mehreren Erklärungen führt das auf ihr Schwingen und Wippen über den flachen, steinigen Grund zurück.

Ex-Slalom-Weltmeister Thomas Becker bietet jetzt Kanutouren an. Foto: Fischer, Andreas H503840

„Ganz schön viel Action, richtig spannend“, findet Claudia Morgenroth, während der Pause, die etwa zur Tourhälfte auf einer Kiesbank eingelegt wird. Mit Ehemann und ihren zwei Töchtern hat die Familie auch schon mal auf der Etsch in Südtirol eine Bootstour unternommen. „Dagegen sind einem da ja die Füße eingeschlafen, so langweilig war es“, sagt ihr Mann Stefan und könnte damit wohl gleich als hiesiger Tourismusbeauftragter  anfangen. Bergisches Land schlägt Südtirol!

Die Jurastudenten haben dieses Abenteuer unterdessen noch mit diversen Wasserschlachten während der Fahrt erhöht, ungeachtet der Frage, ob sich derartige Attacken denn mit bürgerlichem Recht vereinbaren lassen. Die Wasserqualität lässt es bedenkenlos zu. Von dem früher teilweise üblen Geruch der Wupper nach Industrieabwasser ist trotz sommerlichen Temperaturen keine Rede. „Hier gibt es neben Fischen auch wieder Krebse“, erzählt Chris, wobei der amerikanische Signalkrebs, eine Art blauer Hummer,  den heimischen Flusskrebs fast verdrängt habe. Wer Glück hat, sieht einen Eisvogel pfeilschnell über die Wellen schießen. Er jagt hier nach kleinen Fischen, Krebsen oder Wasserinsekten.

Die Landschaft ist wildromatisch mit steil ansteigenden, dicht bewachsenen Ufern. Hinter Müngsten beginnt sogar ein so genanntes FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat), für das ein Wupperführerschein nötig ist. Zu lernen ist dabei vor allem, auf welche Naturschutzbelange man als Paddler achten muss.

Das Grün wird nur kurz von den Gebäuden in der Kohlfurth unterbrochen. Die historische Kohlfuhrter Brücke mit ihrer inzwischen sanierten Stahlkonstruktion zieht die Blicke an. Der Bikertreff Cafe Hubraum und auf der anderen Seite das Strandcafé würden sich nach der Tour für eine Erfrischung oder einen Imbiss anbieten. Die nicht zu sehende Fahrzeughalle der Bergischen Museumsbahnen mit ihren Straßenbahnen ist nur an einigen Wochenenden im Jahr geöffnet, böte dann ebenfalls eine gute Gelegenheit, das Tagesprogramm zu erweitern.

Wir fahren aber jetzt erst einmal auf dem Fluss weiter, vorbei an studentischen Mitarbeitern, die die Wellen nicht richtig „gelesen“ und sich an einer flachen Stelle festgefahren haben. Chris steigt aus seinem Kanu aus ins knietiefe Wasser und zieht sie heraus. Ab und zu sei auch schon mal ein Boot gekentert, wenn sich alle bei dieser Gelegenheit genau auf die andere Seite gelehnt hätten. Heute passiert aber nichts dergleichen. Alle kommen wohlbehalten, wenn auch einige nach wilden Attacken völlig durchnässt, am Ziel am Parkplatz Müngsten an. Boote zum Hänger tragen – das klappt inzwischen top. Von uns aus hätte die Fahrt noch länger dauern können, auch wenn Claudia Morgenroth sagt, es sei für sie bis zum Schluss ein Kampf gewesen, bei dem sie kaum mal entspannt die Naturschönheiten hätte genießen können – Action eben.

Das Abenteuer muss aber noch nicht zu Ende sein, wenn man anschließend  die knapp ein Kilometer zum Müngstener Brückenpark noch zu Fuß, mit dem Rad oder dem inzwischen geholten Auto hinter sich bringt.

Nach der Bootstour noch ein Abstecher zur Müngstener Brücke

Allein der Blick auf die Stahlkonstruktion der Brücke ist atemberaubend. Darunter sind an Wanderwegen zahlreiche Zeugnisse  der Bergischen Industriekultur ausgestellt. Die Wupper und ihre Nebenflüsse boten hier die Voraussetzung für ehemalige Schleifereien, die der Ursprung dafür waren, dass Solingen als Klingenstadt Weltruhm erlangt hat. Gleich hinter der Müngstener Brücke kann man auf der Schwebefähre auf zwei Stahlseilen nach Draisinenart über die Wupper übersetzen. Die Fähre ist bei gutem Wetter ab 1. April täglich von 10 bis 18 Uhr in Betrieb. Wer den steilen Weg hinauf nach Solingen Schaberg wandert, kann dort die S 7 besteigen und über die Brücke, die sich um den Titel Weltkulturerbe bewirbt,  ins benachbarte Remscheid rollen. Werktags alle 20 Minuten, an Wochenenden alle 30 Minuten fährt ein Zug.

Da ist ein Tag fast nicht genug, um alles auszukosten, zumal auch Schloss Burg nicht mehr weit ist. Die Wupper, ein Wassersport- und Freizeitparadies? Na klar!

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